Von Garfield zum Fantasy-Helden: Myranors Bildsprache im Wandel
Das Problem von Myranor ist ja nicht, dass es die feliden Spezies gibt. Daran kann man sich gewöhnen. Das größere Problem ist, dass man bei einer sprechenden Katze auf zwei Beinen an Garfield denken muss. Oder an den gestiefelten Kater.
Natürlich kann man mit Amaunir, Leonir oder Pardir heroische Abenteuer bestreiten, düstere Dämonen bekämpfen, fiesen Magiern das Handwerk legen, fürchterliche Verbrechen durch Anhänger des Schädelgotts vereiteln, den dunklen Ring in den Feuerberg schmeißen. Aber eigentlich hat man im Kopf, dass der Leonir in der Taverne eine Lasagne ordern sollte. Oder hinter der nächsten Straßenecke die Maus Jerry lauert, um den Amaunir mit einer überdimensionierten Keule eins überzuziehen.
Diese popkulturellen Prägungen sind selbstverständlich nicht die Schuld von Myranor. Der Uhrwerk Verlag kann nichts dafür, dass man in seiner Kindheit vielleicht zu viele Cartoons geschaut hat. Könnte man denken, womit man jedoch die Kraft von Bildern unterschätzt.
Unter dem Sternenpfeiler, die Setting-Beschreibung der myranischen Kernlande, nutzt auch in der Neuauflage von 2025 dieselben Illustrationen, die schon in der ersten Auflage aus dem Jahr 2012 enthalten waren. Die Zeichnung hat eine starke Linienführung, ist relativ bunt und kontrastreich mit Fokus auf Ausstattungsdetails und einer direkt lesbaren Charakterolle. Der Stil wirkt insgesamt nahe an Cartoon oder Comic. Und wer bei diesem Bild einer Amauna nicht an Disneys Gestiefelten Kater denken muss, ist selbst schuld.

Mit dem neuen 5e-Grundregelwerk Collectio Legum Myranis aus 2026 hat sich der Uhrwerk Verlag von dem Cartoon-Stil früherer Publikationen etwas entfernt. Die Zeichnungen speziell der Spezies und Klassen sind dunkler und häufig dominieren Erdtöne mit wenigen gesättigten Akzenten. Die Proportionen sind zudem viel stärker heroisiert als früher. Insgesamt wirken die Figuren „erwachsener“ und stilistisch rücken sie näher heran an „realistische“ Fantasy-Illustrationen. In direktem Vergleich von 2012 und 2026 werden die Unterschiede besonders deutlich. Doch für sich genommen erinnern die 2026er Illustration immer noch an einen Cartoon-Stil.

Seitdem hat sich der Fokus nochmal verschoben. Der Abenteuerband „Blutige Horasiade“ führt eine neue Bildsprache ein und bewegt sich weg von den klar silhouettiorten, designgetriebenen Charakterporträts hin zu malerischen, atmosphärischen Szenen, mit deutlich mehr Gewicht auf Lichtstimmung. Die stilisierte Heroisierung aus dem Regelwerk weicht einer semi-realistischen Körperlichkeit. In den neuen Zeichnungen sind die Übergänge zwischen Körper, Kleidung und Umgebung weicher und malerischer, lösen sich teilweise auf. Die Figuren wirken körperlicher, schwerer und teilweise sogar unvorteilhaft, was den realistischen Eindruck unterstreicht.

Zeichnung von Till Schäfer

Zeichnung von Till Schäfer
Mit den zwei Zeichnungen aus Blutige Horasiade hat sich Myranor klar vom Cartoon-Stil früherer Jahre entfernt. Die sprechenden Katzenwesen wirken endlich tatsächlich wie heroische Fantasy-Helden, und nicht so, als würden sie jeden Moment nach Lasagne schreien. Hoffentlich setzt sich dieser Stil durch.
