Daggerheart: Die Wette auf den deutschen Tisch
Sonntagvormittag in einer Ruhrpott-Eckkneipe. Erwin schiebt sein halbvolles Pils zur Seite und legt mit ausladender Geste seine letzte Karte auf den Tisch. „Hinten sind die Enten fett.“ Während Manni mit verkniffenem Mund auf den Stich starrt, blickt Korn-Kalle direkt in die Kamera: „Beim Grand spielt man Ässe oder man hält die Fresse.“
Erwin, Manni und Korn-Kalle, drei Rentner in ihren Siebzigern, haben einen Traum: vom Stammtisch in der Kümmel-Klause zum Internetstar. Seit drei Jahren laden sie ihre sonntäglichen Skat-Runden auf YouTube hoch. 171 Follower haben sie schon. Sie wissen, der Weg ist weit. Aber andere haben es ja auch geschafft. Diese Amerikaner zum Beispiel. Critical Role.
Daggerheart für Daggerheart-Fans
Aus einem Wohnzimmer voller professioneller Voice Actor, die ihre D&D-Spielsitzungen gestreamt haben, ist seit 2015 ein Medienunternehmen geworden, mit eigenen Kampagnenwelten, einer Amazon-Serie und einem Verlag namens Darrington Press. Mit Daggerheart hat Critical Role ein eigenes Fantasy-Rollenspiel mit eigenem Regelsystem vorgelegt, das Pegasus Spiele jetzt nach Deutschland bringt: PDF seit dem 3. Juni, gedrucktes Basis-Set und Deluxe-Edition ab dem 6. Juli, Release-Party am 7. Juli in Berlin, mit den beiden Designern Spenser Starke und Rowan Hall vor Ort.
Daggerheart ist ein erzählerisch geprägtes System, das die Geschichte in den Mittelpunkt stellen möchte. Charaktere entstehen über eine persönliche Kartenauslage, die Herkunft, Gemeinschaft, Klasse und Fähigkeiten zusammenführt. Spieler bauen ihre Figur so sichtbar vor sich auf und führen sie nicht nur als Werte auf einem Charakterbogen. Der Kern aber ist das Würfelsystem: Statt einem einzelnen Wert würfelt man zwei zwölfseitige Würfel. Die Summe entscheidet über Erfolg oder Misserfolg, der höhere der beiden Würfel darüber, ob „mit Hoffnung“ oder „mit Furcht“ gewürfelt wurde. Hoffnung bringt den Spielern einen Vorrat an Punkten, die sie für starke Momente und mechanische Vorteile einsetzen können. Durch Furcht erhält die Spielleitung Punkte, mit denen sie zusätzliche Gefahren, Komplikationen oder Aktionen ins Spiel bringt. Die Regeln versuchen damit, die typische Critical-Role-Dramatik direkt in Mechanik zu gießen.
Viel Marke wenig Welt
Die Wette dahinter: Pegasus will aus Critical-Role-Zuschauern Critical-Role-Kunden machen. Wer bereits Fan von Figuren und Story ist, soll künftig auch Bücher und Boxen kaufen. Bezeichnend, dass Pegasus über die Welt selbst kaum etwas verrät. Die Produktbeschreibung spricht von einem heroischen Fantasy-Rollenspiel mit magischen Reiche, tapferen Heldinnen und Helden und verwunschenen Welten voller legendärer Geschichten. Das ist ebenso generisch wie programmatisch. Verkauft wird nicht das Setting, verkauft wird die Marke. Daggerheart startet dabei mit einem Vorteil, den die meisten neuen Systeme hierzulande nicht haben: Fansites, deutschsprachige Erklärvideos, Previewrunden auf Cons. Mit Candela Obscura und Munchkin Vox Machina hat Pegasus zudem weitere Produkte aus dem Critical-Role-Universum im Verlagsprogramm.
Der Haken steckt im Mercer-Effekt, benannt nach Matthew Mercer, dem Spielleiter von Critical Role und Gesicht des Formats. Wer das Hobby Rollenspiel über die Critical-Role-Shows kennenlernt, mit der professionellen Ausleuchtung, Musik und den ausgebildeten Synchronsprechern, der vergleicht den eigenen Küchentisch mit einem Maßstab, den keine Heimrunde erreicht. Die eigene Runde fühlt sich nicht so episch an und man fragt sich, ob man was falsch macht.
Während andere Rollenspiele mit taktischem Kampf und Charakteroptimierung locken, setzt Daggerheart auf das, was die Shows ausmacht: Charakterdrama, zugespitzte Szenen, große Momente. Wer Daggerheart kauft, kauft die Erwartung gleich mit, dass es jetzt so wird wie im Stream. In Deutschland ist der Effekt bisher kleiner, weil Critical Role als Actual Play hier schwächer verankert ist. Doch wo der Aufmerksamkeitsvorteil greift, der Daggerheart trägt, greift auch der Druck, den er erzeugt.
Daggerheart will diesen Druck auffangen, indem das Rollenspiel die Drama-Mechanik gleich mitliefert. Die Regeln bedienen das Drama, sie ersetzen aber nicht das Studio, das Licht und die Vorbereitungsstunden, die den Critical-Role-Eindruck erzeugen. Eine Mechanik macht aus einer Heimrunde keine Show.
Vielleicht reicht der Aufmerksamkeitsvorteil trotzdem, um Daggerheart in Deutschland zu etablieren. Vielleicht merken die Critical-Role-Fans aber beim Spielen, dass ihr Tisch eher wie der von Erwin, Manni und Korn-Kalle aussieht als wie das Studio.
171 Follower sind ja auch schon mal ein Anfang.
Redaktionelle Anmerkung: In einer früheren Version dieses Artikel stand, dass Pegasus das Rollenspiel Candela Obscura herausbringen will. Tatsächlich ist Candela Obscura bereits 2025 erschienen. Ich habe das korrigiert. Danke für den Hinweis. 🙂
