Thomas Römer, der Kanon und das eigentliche Problem
Einhundertfünfzigtausend Seiten. Eine große Zahl wirkt immer besser, wenn man sie ausschreibt. 150.000 Seiten. So viel Material ist in 42 Jahren Das Schwarze Auge zusammengekommen. Grob geschätzt. Durch Thomas Römer. Das DSA-Urgestein, wie man ihn gerne nennt, war zu Gast im Tanelorn-Podcast Radio Freie Würfel und hat dort über seine neue Aufgabe als Ulisses-Mitarbeiter gesprochen.
Auf der RatCon im September 2025 wurde Römers Rückkehr zu Ulisses angekündigt. Seine Aufgabe, wie er sie im Podcast selbst beschreibt: sich um den Kanon kümmern, um eben diese – nur grob sortierten – 150.000 DSA-Seiten inklusive Romane. Für Neueinsteiger wie für Menschen, die unter der ELF-Lizenz eigenen Content bauen wollen, sei das laut Römer schlicht abschreckend.
Die Diagnose stimmt
Um Ordnung zu schaffen und den Kanon zu konsolidieren, möchte Thomas Römer die DSA-Inhalte in vier Kategorien unterteilen:
- Dinge, die man unbedingt wissen muss, um DSA zu spielen.
- Was nett zu wissen ist für einen Deep Dive.
- Was nur noch Archivare interessiert, aber stehen bleibt, um keine Widersprüche zu erzeugen.
- Und schließlich die echten Widersprüche, bei denen jemand sagen muss: Nein, so war es nicht.
Der Ansatz ist gut und die Diagnose stimmig: Ulisses hat erkannt, dass die schiere Masse an verbindlichem Hintergrund zum Zugangshindernis geworden ist. Nicht die Regeln (wobei die Frage erlaubt sein soll, ob der aktuelle DSA5-Regelansatz nicht ebenfalls hohe Hürden errichtet), sondern die Lore schreckt mittlerweile ab. Mit Thomas Römer hat man sich nun einen Lore-Master geholt, um Hindernisse abzubauen. Klingt sinnvoll.
Wo das Aufräumen aufhört
Nur: Aufgeräumt wird mit angezogener Handbremse. Figuren wie Nahema, sie nennt Thomas Römer exemplarisch, seien „im Nachhinein nicht rausschreibbar“, weil sie zu viele prominente Auftritte hatte. Als Beispiel für eine Setzung, die revidiert werden soll, nennt er die Historia Aventurica. Der DSA-Quellenband aus 2014, der die Mythologie und Frühgeschichte Aventuriens im Ton einer wissenschaftlichen Abhandlung beschrieb, ließ spätere Autoren kaum noch Spielraum für eigene Interpretationen. Eine zweite, entschärfte Auflage wurde nötig. Ansonsten kündigte Römer an, „viel kleinere Sachen“ zu tun, die nur auffallen, wenn man tief ins aventurische Detailwissen einsteige.
Das behutsame Vorgehen ist nachvollziehbar. Aventurien ist ein über Jahrzehnte gewachsenes Setting, das viele Spielerinnen und Spieler gerade deswegen mögen. Aber die Behutsamkeit zeigt auch, wo die Grenzen der Aufgaben liegen, die Thomas Römer als Lore-Master angehen soll. Denn das eigentliche Problem ist nicht, dass der Bestand unsortiert ist. Das eigentliche Problem ist, dass er stetig wächst.
Warum Ordnung nicht genügt
Mit DSA5 hat sich die Beschreibung der Welt eher noch verdichtet. Jedes neue Regionalbuch, jede Kampagne, jedes Heldenwerk schüttet neue verbindliche Lore auf. Der Metaplot räumt zwar auf seine Weise mit: NSC verschwinden, Plotstränge werden geschlossen. Schon die Splitterdämmerung hat so funktioniert, und die laufenden Abenteuer-Kampagnen besiegeln das Schicksal vieler NSCs. Aber auch dieses Aufräumen ist behutsam, und es ersetzt jede entrückte Figur tendenziell durch mehrere neue.
Manche Spielerinnen, Spieler und Spielleiter kapitulieren mittlerweile vor dem aufgetürmten Berg an offiziellem DSA-Material. Thomas Römer gibt im Podcast den überzeugenden und pragmatischen Rat, vieles einfach zu ignorieren. „Mut zur Lücke“ nennt er das. Für ein offizielles Ulisses-Produkt gilt dieser Freibrief aber nicht. Wenn eine Setzung von vor dreißig Jahren existiert, muss ein neues offizielles Produkt sie berücksichtigen. Anders als Hobby-Spielleiter darf der Verlag nicht ignorieren, was er selbst kanonisiert hat. Und so bleibt die eigentliche Frage offen: wie Ulisses künftig produziert, damit der Berg verbindlicher Setzungen nicht immer weiter wächst und die Zugangshindernisse nicht immer dichter werden.
Foto: Thomas Römer auf der NordCon 2019. Foto: Enter, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
