„Der Sprung von D&D zu Myranor ist kleiner als der zu Aventurien“
Stefan Urabl ist seit Jahrzehnten Rollenspieler, seit Langem in der Szene aktiv und online unter dem Namen aikar bekannt. Heute ist er Chefredakteur beim Uhrwerk Verlag und verantwortet die beiden 5e-Linien Myranor und Melliador.
Ich habe mit ihm über den Weg vom Fanprojekt zur Verlagsleitung gesprochen, über die Frage, wie nah man dem DSA-Kanon bleiben muss, für wen der Uhrwerk Verlag eigentlich die 5e-Versionen für Myranor und Aventurien herausbringt und was demnächst noch zu erwarten ist.
Stefan, Du hast Myranor 5e ursprünglich als Fanprojekt entwickelt und bist jetzt Chefredakteur bei Uhrwerk, verantwortlich für Myranor und Melliador. Wie ist das passiert?
2018 habe ich angefangen, eine 5e-Konvertierung für meine eigene Gruppe zu schreiben. Wir waren alle große Aventurien-Fans, haben sehr lange Das Schwarze Auge gespielt, aber ich war kein Fan mehr von den komplexen Regelsystemen. Die neue D&D-Edition hat mir damals sehr gut gefallen, also haben wir damit weitergemacht. Und weil ich dann im Schwung war, habe ich mehr geschrieben als nötig und das Ergebnis im Ulisses Scriptorium veröffentlicht. Das wurde dort gut angenommen.
Als Myranor dann über die ELF-Lizenz wieder für Uhrwerk verfügbar wurde, haben sie mich kontaktiert. Ich hatte zu dem Zeitpunkt bereits die Regeln für die Grüne Ebene gemacht, da konnte ich mich etwas bewähren. Zu Beginn dachte ich noch, ich würde nur meine Konvertierung ein bisschen aufpolieren. Dann ist das Crowdfunding so durch die Decke gegangen, dass klar war, dass das etwas Größeres wird. Ich habe aus meiner Vereinstätigkeit Erfahrung mit Organisation, also habe ich mich schnell in einer Redaktions- und Leitungsrolle wiedergefunden. Nachdem das bei Myranor gut geklappt hat, war Aventurien der naheliegende nächste Schritt.
Was hat sich durch die Verlagsrolle verändert?
Mein Zugang zu 5e und zu den Settings hat sich nicht wirklich verändert. Was sich geändert hat, ist der Blick auf die Produktion von Rollenspielmaterialien generell. Ich habe jetzt zum ersten Mal die Perspektive von innen.
Erst kürzlich hat mich überrascht, wie viel sich zwischen DSA4 und DSA5 doch verändert hat, gerade bei den Zauberwirkungen. Ich habe DSA5 nie aktiv gespielt, primär DSA3 und DSA4. Aber weil wir DSA5 als Referenz für die Konvertierung verwenden, schaue ich jetzt regelmäßig rein und stelle immer wieder fest, dass vieles anders geworden ist. Ein konkretes Beispiel ist der Band-und-Fessel-Zauber. Ich hatte den seit Jahren im Kopf: Man läuft um den Gegner herum und zieht den Bandkreis. In DSA5 steht man jetzt einfach still und schaut. Das hat bei uns in der Redaktion zu Diskussionen geführt, welche Variante wir eigentlich umsetzen. Mittlerweile ist der Leitsatz aber: maßgeblich ist DSA5.
Du bist jetzt seit gut einem Jahr mit dem neuen Myranor auf dem Markt. Ich habe den aktuellen Stand hier mal als „Untoter mit frischem Make-up“ beschrieben, lebendig, aber noch nicht überzeugend. Wie siehst du das?
Wir haben uns bewusst dafür entschieden, die alten Materialien noch einmal zum Leben zu erwecken. Das gesamte vorhandene Myranor-Material soll mit den neuen Regeln bespielbar sein. Daher gibt es das dicke Regelwerk, das viele Möglichkeiten bietet.
Was nun kommt, ist das Neue: Corabenius und Era’Sumu kommen als erste große neue Regionalbeschreibungen. Nächstes Jahr kommt ein neues Arsenal und Regelwerk zur Arkanomechanik. Vielleicht bringen wir auch mal ein weiteres Bestiarium mit neuen Kreaturen heraus (das Myranor Monsterhandbuch sollte primär die Kreaturen aus 25 Jahren Myranor mit aktuellen Regeln ausstatten).
Ich sehe die Breite des Settings als Stärke. Myranor bietet zum Beispiel High Fantasy und Sword-and-Sorcery nebeneinander, je nachdem, welche Region man betont. Es gibt verschiedene Themen und Stile in Myranor zu spielen, aber diese greifen stark ineinander. Das Setting hat es geschafft, diese vielen Aspekte zu einem logischen Konzept zu verbinden.
Die ELF-Lizenz von Ulisses Spiele gibt euch Zugang zur DSA-Welt, aber die Ausgangslage ist für Myranor und Melliador sehr verschieden. Bei Melliador spielt ihr mitten in Aventurien. Wie eng fühlt ihr euch an den Kanon gebunden?
Unser Ziel ist es, nah am Kanon zu bleiben. Wir machen nichts, was aus unserer Sicht den Kanon verletzt. Natürlich können Fehler passieren. Aber das ist durchaus ein DSA-immanentes Problem. Auch deswegen hat Ulisses jetzt Thomas Römer als Kanonbeauftragten im Team. Wir haben das Glück, dass viele im Team seit Jahrzehnten in Aventurien unterwegs sind. Meine Mitredakteurin Jasmin Neitzel war selbst in der DSA-Redaktion bei Ulisses.
„Wir haben uns bewusst entschieden, die alten Materialien zum Leben zu erwecken“
Die Krux ist, was tatsächlich unter der ELF steht. Die meisten DSA4-Bände stehen nicht darunter. Das heißt, wir stützen uns primär auf den Aventurischen Almanach und die aktuellen Hintergrundbände, die unter der ELF verfügbar sind. Wir kriegen auch immer wieder Kritik von Leuten, die DSA3 oder DSA4 kennen, aber nicht DSA5. Unsere Hauptreferenz ist aber DSA5, schon wegen der Lizenzsituation, aber auch weil wir die Leute mit dem aktuellen DSA-Hintergrundmaterial abholen wollen.
Thomas Römer hat das umfassende DSA-Material als Eintrittshürde für Spieler benannt. Nicht die Regeln, sondern die Lore schreckt ab. Teilt ihr diese Diagnose?
Für Neulinge ist diese Einstiegshürde sicher real. Aber wen erreichen wir mit Melliador im Moment vor allem? Leute, die das Setting bereits lieben und ein anderes Regelsystem suchen. Für die ist der Kanon kein Problem, der ist genau das, was sie reizt.
Unsere Strategie ist, uns auf Regionen zu konzentrieren, die Ulisses aktuell nicht intensiv bespielt. Maraskan läuft gerade bei Ulisses, die Ork-Kampagne auch, das zentrale Mittelreich ebenso. Wir gehen lieber in Regionen, für die schon Regionalbände vorhanden sind wie das Bornland oder Albernia. Auf dieses Material können wir uns stützen und es besteht eine geringere Wahrscheinlichkeit, dass Ulisses kurz nach uns etwas rausbringt, das unserem Material widerspricht.
Du hast gerade gesagt, die Hauptzielgruppe sind Leute, die Aventurien mögen, aber mit dem Regelsystem nicht warm werden. Ist das, was du auch aus dem Crowdfunding zurückbekommst?
Im Augenblick ja. Wir haben eigentlich zwei Zielgruppen, auf die wir langfristig zielen. Die eine sind Leute, die Aventurien mit einem leichteren Regelsystem bespielen wollen. Die zweite Zielgruppe, die wir mittelfristig ansprechen wollen, sind D&D-Spielende, die ein interessantes Setting suchen, aber ihr Regelsystem nicht wechseln wollen. D&D ist auch in Deutschland die größte Rollenspielbewegung, und sie wächst schneller als der Rest. Da wollen wir eine Verbindung schaffen.
Und wer wird mit Myranor erreicht? Differenziert ihr das zwischen den beiden 5e-Linien?
Momentan noch nicht stark. Was ich sagen würde: Aventurien ist das klassische Elfen-Zwerge-Orks-Fantasy-Setting mit seiner Tiefe und seiner langen Geschichte. Myranor ist exotischer. Es geht für mich einerseits stärker in Richtung High Fantasy, andererseits stärker in Richtung Sword-and-Sorcery, je nachdem, welche Teile man betont. Und das Interessante: Der Sprung von klassischem D&D zu Myranor ist wahrscheinlich kleiner als der zu Aventurien. Myranor ist exotischer, aber es kommt D&D-Spielenden, die High Fantasy kennen, vermutlich näher als das eher erdige Aventurien.
Die Regionalbeschreibung Corabenius war für Herbst 2025 angekündigt und ist aktuell noch in Arbeit. Was ist passiert?
Die Texte sind gerade in der Finalisierungsphase. Lektorat und Layout folgen, die Bilder werden gerade gezeichnet. Wenn alles gut geht, gehen die Bücher später im Sommer an die Backer.
„Aventurien wäre für das myranische Imperium ein kleiner Nachmittagssnack“
Warum hat es so lang gedauert? Corabenius ist unsere erste große Regionalspielhilfe, und wir haben dabei erst erarbeitet, wie dieses Format aussehen soll: Detailgrad, Struktur, Aufbau. Das hat mehr Zeit gekostet als geplant, war aber nötig. Jetzt haben wir das Schema, Era’Sumu ist bereits in Arbeit und kann direkt darauf aufbauen.
Wie kann man sich den Detailgrad der Regionalbände vorstellen?
Irgendwo mittig zwischen Sternenpfeiler und einem DSA-Regionalband. Der grundsätzliche Aufbau ist ähnlich wie beim Sternenpfeiler, aber statt ganzen Horasiaten beschreibt Corabenius eben Provinzen eines Horasiats. Die Horasiate haben Größen wie das aventurische Mittelreich, und die meisten aventurischen Königreiche reichen gerade mal an die Größe einer myranischen Provinz. Das heißt, wir bewegen uns noch eine Ebene drüber. Es wird also nicht wie bei DSA mehr oder weniger jedes Dorf beschrieben. Dafür sind die Regionen einfach zu groß.
Unser Credo ist generell, dass wir keine trockenen Reiseführer liefern wollen, sondern Abenteueraufhänger. Die sollen Ideen bringen, die Spielleitung inspirieren.
Melliador und Myranor laufen beide auf 5e und damit künftig auf einer gemeinsamen Regelbasis. Werden sich daraus auch inhaltlich Verbindungen ergeben?
Die Abgrenzung zwischen den beiden Welten bleibt bestehen, und das aus gutem Grund. Wenn der Efferdwall wegfiele und myranische Schiffe nach Aventurien segeln könnten, wäre Aventurien für das myranische Imperium ein kleiner Nachmittagssnack. Die technologische und magische Überlegenheit Myranors ist so massiv, dass ein offener Kontakt das Aventurien-Setting fundamental verändern würde.
Was wir wollen, sind Möglichkeiten, Charaktere hin und her zu bewegen, nicht als Standard, aber als Option. Die für Melliador geplante Kampagne „Unsichtbare Pfade“ mit ihren Trollpfad- und Limbusreisen bietet sich dafür an. Gemeinsame Kreaturen wie Dämonen, die auf beiden Seiten beschwören werden können, wären ein weiterer natürlicher Berührungspunkt für zukünftige Produkte.
Was mich persönlich reizt, ist die güldenländische Siedlerzeit. Das ist historisch ein echter Moment, in dem Aventurien und Myranor in Kontakt stehen, regelkonform nutzbar, ohne den Efferdwall anzutasten. Das könnte ein Setting sein, das beide Linien verbindet. Aber das ist frühestens nach Ende des aktuellen Crowdfundings ein Thema.
Die Grüne Ebene bringt Aventurien auf Dragonbane. Wäre das nicht eigentlich die bessere Basis für Myranor gewesen, wo die Freiheit vom Setting her eingebaut ist?
Nein, und der Grund liegt im System selbst. Dragonbane ist Low Level, Low Magic, sehr tödlich. Für bestimmte Myranor-Stile, eine Wildniskampagne in den nordwestlichen Steppen etwa, wäre es durchaus geeignet. Aber Myranor bietet auch extreme High-Fantasy-Aspekte, die weit über das hinausgehen, was Aventurien in weiten Teilen bietet. Wenn ich die große Wächter-des-Imperiums-Kampagne mit Dragonbane spiele, ist mir die Gruppe wahrscheinlich nach der ersten Hälfte des ersten Buches komplett tot.
„Wir machen nichts, was den Kanon verletzt“
Bei der Grünen Ebene wurde bewusst eine abgelegene, wenig zivilisierte Region in Aventurien gewählt. Das ist ein Spielgefühl, das Dragonbane sehr gut bedienen kann: Charaktere, die in der Steppe nachts zittern, jede verbrauchte Ressource als potenzielle Knappheit. Das liefert 5e nicht in dieser Form. Aber für alles, was Myranor an epischen und magischen Möglichkeiten hat, war Dragonbane einfach nicht die richtige Wahl.
Wenn du dir für Myranor und Melliador je einen Moment vorstellst, an dem du sagst „Das hat funktioniert“ – wie sieht der aus?
Bei Myranor haben wir diesen Moment schon erlebt, mehrfach. Das war das erste positive Feedback nach der Veröffentlichung. Oder die ersten Videorezensionen, bei denen man vorher ein bisschen schwitzt. Und auf der EulenCon im Mai haben wir gesehen, wie viele Leute mit dem Myranor-Regelwerk unter dem Arm herumgelaufen sind. Das war schon ein gutes Gefühl.
Bei Melliador ist das noch offen. Der Schnellstarter wurde gut aufgenommen, das Crowdfunding lief sehr gut, aber entscheidend wird das Feedback nach der Buchauslieferung sein. Wenn sich Melliador so gut verkauft, dass es Sinn macht, daraus eine laufende Linie zu machen wie Myranor: Das wäre natürlich ein starkes Zeichen. Gespannt bin ich auch auf den Early Access. Wir wollen voraussichtlich im September eine spielbare Version der Regeln rausbringen, mit allen Basisklassen und Kreaturenauswahl, vollständig spielbar. Dann wird sich zeigen, wie das ankommt.
