Eine Insel für 1.600 Sammler
An diesem Dienstag ist das Maraskan-Crowdfunding von Ulisses Spiele gestartet. Und wenn nichts völlig Unerwartetes passiert, werden innerhalb der drei Wochen rund 1.600 Personen das Crowdfunding unterstützen. Die Summe, die dabei zusammenkommt, wird bei etwa 300.000 Euro liegen, vielleicht auch etwas höher. So nämlich ist es eigentlich immer, wenn Ulisses ein Crowdfunding für eine DSA-Regionalbeschreibung ausruft. Die entsprechenden Vergleichszahlen hat Nuntiovolo dankenswerterweise zusammengestellt.
Fast zwangsläufig stellt sich da die Frage: Warum macht Ulisses das eigentlich?
Mit der ursprünglichen Idee, Projekte zu ermöglichen, die ohne Community-Unterstützung nie existieren würden, hat Crowdfunding im P&P-Rollenspielbereich schon lange nichts mehr zu tun. Auch das Argument vom Marketing- und Aufmerksamkeitskanal trägt nicht. Das mag für Rollenspielsysteme gelten, die neu in Deutschland starten, den Markt erst sondieren müssen. Eine weitere DSA-Regionalbeschreibung ist aber keine Unbekannte und muss auch nichts sondieren.
Marktsondierung für Maraskan? Wohl kaum
Am häufigsten hört man noch – zusammen mit der Kritik aus der Community –, dass Verlage Crowdfundings nutzen, um ihren Cashflow zu optimieren und das Produktrisiko auszulagern. Dass ein Crowdfunding keine Vorbestellung ist, bleibt richtig. Backer gehen jedes Mal in Vorleistung und der Verlag erhält Kapital noch vor Produktionsbeginn. Das Ausfallrisiko speziell bei DSA-Regionalbeschreibungen dürfte aber eher gering sein. Und Cashflow-Optimierung klingt als Argument auch nicht überzeugend. Für Verlage liegt der entscheidende Faktor woanders.
Crowdfundings bieten Rollenspielverlagen die Möglichkeit der Margenoptimierung. Durch den Direktvertrieb über die Crowdfunding-Plattformen bleibt deutlich mehr Geld hängen als über die meisten anderen Vertriebskanäle. Plattformen für Crowdfundings wie Gameontabletop oder Gamefound berechnen eine Gebühr von 5 Prozent. Hinzu kommen Kosten für die Zahlungsabwicklung von weiteren 3 bis 5 Prozent, je nach Plattform. Unterm Strich verbleiben so rund 90 Prozent der Einnahmen direkt beim Verlag. Eine höhere Marge lässt sich wahrscheinlich nur durch den Verkauf über den eigenen Webshop erreichen. Im stationären Fachhandel landen je nach Quelle nur rund die Hälte beim Verlag, im Online-Handel sieht es nicht viel anders aus.
Der ökonomische Anreiz einer Nische
Für Ulisses Spiele hat diese Produktstrategie betriebswirtschaftlich also klare Vorteile. Über Crowdfundings kann der Verlag die Nachfrage seiner Kernkäuferschaft direkt bedienen. Doch die hohe Marge entsteht nicht im leeren Raum. Dieses Modell trägt nur, solange die 1.600 Personen verlässlich zahlen. Dafür muss Ulisses ebenso verlässlich deren Wünsche bedienen. Und was sich diese Gruppe wünscht, ist ein regionales Komplettpaket für im Schnitt 200 Euro – selbst wenn es dabei nur um eine Insel geht, die für Außenstehende und DSA-Neueinsteiger völlig irrelevant ist. Das ist das Gegenteil eines Türöffners.
Dabei muss es kein Nachteil sein, wenn Ulisses gut an seinen Produkten verdient. Es ist wünschenswert, dass Geld eher bei einem kleinen Rollenspielverlag hängen bleibt, und nicht bei einem Global Player wie Amazon. Ulisses könnte ja die Bestandskäufer abschöpfen und mit der Marge DSA-Produkte finanzieren, die andere Zielgruppen bedienen. Die aktuelle Produktstrategie jedoch, die auf immer mehr Masse und immer mehr Kleinteiligkeit ausgerichtet ist, spricht dagegen. Das DSA-Material ist mittlerweile so umfangreich, dass es selbst für den Verlag kaum mehr handhabbar ist. Doch weder für Verlag noch für die aktuellen Käufer gibt es einen Grund, das Modell zu hinterfragen.
Win-Win-Situation (mit eingebautem Deckel)
Warum auch? Die Backer bekommen ihr pralles Regionalpaket und sparen gegenüber dem Einzelkauf. Der Verlag verdient an ihnen mehr als über andere Handelswege. Dass dabei der Fachhandel um den margenstärksten Erstverkauf gebracht wird, ist die kleinere Frage. Die größere ist, was es mit DSA macht, wenn jeder ökonomische Anreiz darauf zeigt, dieselbe Gruppe immer tiefer zu bedienen.
1.664 Unterstützer bei der Sonnenküste im Jahr 2021, 1.680 bei Winterwacht 2023, 1.468 bei den Echsensümpfen 2024 und 1.546 bei Wolfsfrost 2024. Das sind über Jahre hinweg stabile Zahlen. Das ist ein Modell, das offensichtlich verlässlich funktioniert. Es ist aber auch ein Modell, das eine Gruppe verwaltet. Wachsen lässt es sie nicht.
