Myranor und das richtige Regelsystem
Warum eigentlich soll man Äpfel nicht mit Birnen vergleichen? Dass man einen Apfel nicht mit einem Rollmops vergleichen soll: okay. Aber Äpfel und Birnen? Im Supermarkt liegen die direkt nebeneinander. Auch preislich bewegen sie sich im ähnlichen Bereich. Im Kühlschrank landen sie im selben Fach. Und geschmacklich sind die Unterschiede ebenfalls nicht gerade gewaltig. Ich finde, man kann Äpfel und Birnen durchaus miteinander vergleichen. Und damit wären wir bei Myranor.
Im Februar 2026 ist das neue Myranor-Grundregelwerk im Uhrwerk Verlag erschienen. Der Band wurde im Rahmen der ELF-Lizenz von Ulisses Spiele veröffentlicht, nutzt aber ausdrücklich nicht die DSA-Regeln, sondern basiert auf der 5. Regeledition von Dungeons & Dragons (kurz: 5e). Ohne Übertreibung lässt sich sagen: Die Abkehr von den DSA-Regeln ist eine Zäsur in der Publikationsgeschichte von Myranor – aber letztlich konsequent.
Das Freiheitsversprechen
Die erste ausführliche Erwähnung des Güldenlandes, wie Myranor in früheren DSA-Bänden noch genannt wurde, stammt bereits aus dem Jahr 1990. Zehn Seiten widmete sich Das Land des Schwarzen Auges dem westlichen Kontinent. Im Jahr 2000 erschien mit Myranor das Güldenland der erste eigenständige Band. Die Reaktionen darauf waren – sagen wir mal – gemischt.
Es gab Zustimmung, es gab Begeisterung, und es gab sehr viele, sehr laute und sehr ablehnende Äußerungen. Myranor sei kein DSA, hieß es damals und in den Folgejahren. Manche sahen in der Abkehr vom vertrauten Elfen-Zwerge-Orks-Mittelreich-Al’anfa-Fantasy-Setting sogar Aventurienverrat. Myranor wirkte mit seinen Katzenwesen und fliegenden Schiffe viel zu abgedreht, viel zu weit weg von der bekannten DSA-Spielwelt.
Diese Distanz war kein Zufall. Myranor wurde damals explizit mit dem Ziel entwickelt, mehr Fantasy, mehr Freiheit und weniger Festlegung zu bieten als Aventurien. Das bestätigte Thomas Römer, der DSA-Chefredakteur damals, in mehreren Interviews.
Das falsche Regelsystem
Nur: Das Freiheitsversprechen lief lange über ein Regelsystem, das genau diese Freiheit nicht gut abbilden konnte. Die Box „Myranor – Das Güldenland“ aus dem Jahr 2000 brachte weiterentwickelte DSA3-Regeln. Später erschien die Neuauflage des Heldenerschaffungsbandes Wege nach Myranor und ergänzenden Bänden Myranische Magie und Myranische Götter auf Basis von DSA4.1. Wer Myranor nach 2011 vollständig spielen wollte, brauchte zusammen mit Wege des Schwertes am Ende rund 900 Regelseiten – mit all den Konsequenzen wie Regelunklarheiten und Regelbuch-Blätterei.
Myranor wurde damit zu einem Setting der Widersprüche. Auf der einen Seite eine sehr offene Spielwelt. Wer groß, schräg und exotisch spielen wollte, konnte das tun. Und wer ganz bodenständig Standardfantasy erleben wollte, konnte das auch. Myranor war so vielfältig und so überwiegend unbeschrieben, dass dort aus Spieler-, Spielleiter- und Autorensicht alles möglich war. Dieser enormen Freiheit und Offenheit stand allerdings das kleinteilige und reglementierende DSA4.1 gegenüber. Im Grundsatz also ein Regelsystem, das das genau Gegenteil von dem ermöglichte, was man sich mit Myranor vorgenommen hatte.
Die konsequente Lösung
Der neue 5e-Ansatz löst diesen Konflikt auf. Die Regeln sind deutlich weniger kleinteilig und liefern einen einheitlichen Rahmen statt vieler Sonderlösungen. Der Kernmechanismus bleibt gleich, Sonderfälle werden in die allgemeine Logik eingepasst. Das neue Regelwerk baut Myranor zugleich von innen heraus neu auf, mit myranischen Klassen wie Animist oder Optimatiker, die auf myranischen Spezies wie Leonir oder Amaunir aufsetzen. Auch Magie und Götterwirken sind in das System eingebettet, statt als Fremdkörper daneben zu stehen.
Wer früher durch die Myranor-Bände blätterte, hatte das Gefühl, dass die Welt etwas will, was das Regelsystem nur mühsam abbilden konnte. Wer heute durch den neuen 5e-Band blättert, dürfte dieses Störgefühl nicht mehr haben. Myranor wirkt geschlossener, klarer und näher an dem Anspruch, den es von Beginn an hatte. Das Kontinent-Setting bleibt ungewöhnlich, aber es wird nicht mehr von einem System gebremst, das andere Ziele verfolgt. Myranor fühlt sich damit zugleich noch viel weniger nach DSA an, als es das bislang getan hat. Aber es wirkt nun viel stimmiger. Nicht länger wie die Birne, die sich im Supermarkt zwischen die Äpfel verirrt hat.
