Myranor-Monsterhandbuch: 88 Kreaturen und ein blasses Gesicht
Ein Wolfshund und ein Ameisenbär begegnen sich. Fragt der Ameisenbär:
„Was bist du denn für ein Tier?“
„Ich bin ein Wolfshund. Mein Vater ist ein Wolf und meine Mutter ist ein Hund. Und du?“
„Ich bin ein Ameisenbär.“
„Ach komm, das glaubst du doch selbst nicht!“
Wer bei diesem Witz nicht an Myranor denken muss, ist selber schuld. Myranor, das ist bekanntlich der Kontinent der Chamäleoparden, der Gatorenschweine und der Maulbäume. 88 solcher Wesenheit beinhaltet das neue 5e-Monsterhandbuch für Myranor aus dem Uhrwerk Verlag. Vom Albenwulf bis zum Zingduru reicht die Bandbreite, klassische Fantasy-Monster wie Riesen und Drachen sind darunter, ebenso chimärische Mischwesen und Nachfahren einst machtvoller Hochkulturen. Die Monster, so heißt es auf dem Klappentext, sind die eigentlichen Herrscher Myranors. Und der 5e-Band Liber Monstrorum Myranis möchte deren Vielfalt und die Gefährlichkeit ausführlich beschreiben.
- Titel: Monsterhandbuch – Liber Monstrorum Myranis
- Verlag: Uhrwerk
- System: Myranor 5e
- Erschienen: Februar 2026
- Umfang: 224 Seiten
- Preis: 49,95 €

Was neu ist
Liber Monstrorum Myranis ist die vollständig überarbeitete Neuauflage des DSA4-Bandes Myranische Monstren aus dem Jahr 2012. Von den damaligen 113 Kreaturen haben es 74 in den neuen Monsterband geschafft, der um 14 gänzlich neue Monster ergänzt worden ist. Neben komplett neuen 5e-Spielwerten für jede Kreatur wurde auch die Beschreibungen der Monster umfassend überarbeitet. Das neue 5e-Myranor-Monsterhandbuch ist also wirklich neu.
Was beim Liber Monstrorum Myranis heraussticht, und das ist der echte Pluspunkt für ein Nachschlag-Handbuch, ist die einheitliche Struktur: Jede Beschreibung eines Monsters umfasst einen Fließtext mit allgemeiner Beschreibung der Kreatur, besonderen Charakteristiken und der Verortung der Wesenheit im Spiegel der Kulturen, gefolgt von jeweils zwei Abenteuerideen. Der Wertekasten wird eingerahmt durch eine Zeichnung des Monsters und einer Karte des Verbreitungsgebiets. Mit Ausnahme von sehr mächtigen und sehr vielfältigen Monstern hat jede Beschreibung genau zwei Seiten.
Diese Schablonentreue ist ein echter Vorteil am Spieltisch und verstärkt die kreatürliche (ist das ein Wort?) Vielfalt und den Ideenreichtum des Bandes. Ob ein Waldmops in einen solchen Band gehört, ist Geschmackssache. Alle Kreaturen werden aber stets myranisch glaubwürdig verortet und aus eigenen ökologischen und sozialen Winkeln betrachtet. Die durchgehende Bebilderung unterstreicht die hohe inhaltliche Qualität des Bandes.
Alles gut also?
Nicht ganz.
Encounter statt Abenteuer
Die zwei Abenteuerideen, die jede Kreaturenbeschreibung abrunden, sind nett gemeint. Aber nett gemeint ist was anderes als gut gemacht. Die Abenteuerideen sind überwiegend Kontakt-Aufhänger, keine Ideen für Abenteuer im engeren Sinn. Sie beschreiben, warum die Gruppe auf ein Monster trifft, nicht, was dann ein Abenteuer daraus macht.
Den Abenteuerideen fehlt fast durchgängig eine Wendung, ein Twist, überhaupt ein Ereignis nach der ersten Begegnung mit dem Monster. Es fehlen echter Widerstand im Abenteuer selbst (jenseits des Kampfs mit der Kreatur) und Konsequenzen bei Erfolg oder Misserfolg. Anders formuliert: Es sind keine Abenteuerideen, sondern Encounter-Trigger.
Eine generische Zufallstabelle, auf die der SL würfelt, hätte den gleichen Effekt (man würfel vier Mal mit W12):
| W12 | Monster | A: Problem | B: Auftrag | C: Einfärbung |
|---|---|---|---|---|
| 1 | Albenwulf | …verschwindet/verwüstet/tötet etwas | Eine Siedlung bittet die Helden um Unterstützung | …und will damit zugleich etwas anderes beweisen |
| 2 | Drachenschildkröte | …wird gesichtet/gilt als Bedrohung | Ein Chimärologe braucht ein Exemplar der Gattung | …binnen knapper Frist |
| 3 | Federschlange | …bedrängt/jagt jemanden | Ein Centurio hat Rache geschworen und benötigt Hilfe | …das Tier soll möglichst lebend bleiben |
| 4 | Hügeltier | …versperrt/stört/zerstört etwas | Ein Prätor sucht Ortsfremde, die der Sache auf den Grund gehen | …egal ob tot oder lebendig |
| 5 | Chrattac | …bedroht eine Route/Siedlung | Ein Alchemist schickt die Helden zur Quelle | …unter Beobachtung einer dritten Partei |
| 6 | Feuermoos | …breitet sich aus | Ein Dorfvorsteher engagiert die Helden | …ein Vorfall hat es erst freigesetzt |
| 7 | Gragura | …versteckt sich und lauert | Ein Optimat ist interessiert. Er hat ein Exemplar in einem Arenakampf gesehen | …für ein bestimmtes Sekret oder Material |
| 8 | Gorgone | …hat jemanden entführt/verändert | Eine Karawane braucht Geleitschutz | …der Verdacht liegt zunächst woanders |
| 9 | Hydra | …terrorisiert eine Gegend | Ein Forscher sucht mutige Abenteuer | …zur Belustigung oder zum Prestige eines Adligen |
| 10 | Jharranoth | …gerät außer Kontrolle | Ein Arkanomechaniker möchte daran Feldstudien durchführen | …eine Ernte oder Fracht steht auf dem Spiel |
| 11 | Han’kro | …bewacht etwas Begehrtes | Ein Großwildjäger heuert die Helden an | …wegen eines Relikts mit unklarer Herkunft |
| 12 | Gischtwurm | …blockiert einen Weg oder Fund | Ein Abgesandter fordert die Vernichtung | …eine alte Schiffsladung ist involviert |
Die Abenteuerideen, die das Liber Monstrorum Myranis enthält, sind also wenig hilfreich, aber auch nicht wirklich störend. Ein echtes Strukturproblem offenbart der Band aber woanders: Er enthält zwar Informationen zum Verbreitungsgebiet und ob eine einzelne Kreatur Einzelgänger oder in Gruppen auftritt. Er sagt jedoch nichts darüber aus, wie häufig ein Monster vorkommt.

Wie viele sind es denn nun?
Monster „beherrschen wirklich Myranor“, behauptet der Klappentext. Doch was heißt das? Liegt hinter jedem Gebirgspass ein Kristallwurm? Entvölkern fleischfressende Knochenfalter ganze Landstriche? Ist der Aufenthalt an einem Flussufer Makshapurams gleichbedeutend mit einem Todesurteil, weil unter der Wasseroberfläche die Massen an Mahali-Krokodile lauern? Oder ist die Begegnung mit einem Lurin oder einem Lamuck ähnlich selten, wie es die mit einem Riesen oder einem uralten Drachen wahrscheinlich ist? Der Band schweigt dazu.
An dieser Stelle kippt die eigentlich gute Struktur des Bandes in einen Nachteil. Weil jede Kreatur, die alltäglichen ebenso wie die mythischen Großkreaturen, nahezu gleich viel Platz im Band eingeräumt bekommt, verwischen die Unterscheidungsmerkmale. Dem Band gelingt es nicht, die einzelnen Beschreibungen zu einem Gesamtbild zusammenzufügen, und darüber zu vermitteln, welche Rolle die Monster insgesamt in Myranor tatsächlich spielen. Dass sie Myranor beherrschen ist eine Behauptung des Klappentextes, der vom Inhalt nicht untermauert wird.
Für wen das Liber Monstrorum Myranis ins Regal gehört:
Am Ende bleibt ein Band mit zwei Gesichtern. Als Nachschlagewerk, Kreaturenkonvolut und Ideenfundus ist das Liber Monstrorum Myranis stark. Es ist durchdacht strukturiert, hübsch bebildert und in der Verortung glaubwürdig. Das ist das prägnante Gesicht, das einem sofort begegnet. Wer das mag, kann beherzt zugreifen. Als unmittelbar nutzbares Abenteuermaterial taugt der Band kaum mehr als eine Zufallstabelle. Sein blasses Gesicht zeigt der Band vor allem da, wo man ein stimmiges Gesamtbild der myranischen Monsterpopulation erwarten würde. Das fehlt – obwohl der Klappentext das verspricht – nämlich völlig.
