Dragonbane-Schnellstarter: Schlanke Regeln, klare Prioritäten
Wer Rollenspiele mit 300.000 Seiten an Material sucht, der weiß wo er fündig wird (*hust* DSA *hust*). Wer eher schlanke Rollenspiele sucht, der wird auch fündig, steht aber eher vor einer Qual der Wahl. Das Angebot, das vor allem aus dem englischsprachigen Ausland nach Deutschland schwappt, ist groß und eher zerfasert. Dragonbane ist eines dieser Spiele. Der Verlag bewirbt es als klassisches Fantasy-Rollenspiel, mit einer überschaubaren aber facettenreichen Welt, bei dem vor allem einfache, intuitive Regeln und der Spielspaß im Mittelpunkt stehen.
Dragonbane (oder Drakar och Demoner im schwedische Original) ist das allererste skandinavische Pen-&-Paper-Rollenspiel aus dem Jahr 1982. Das Spiel erlebte über Jahrzehnte zahlreiche Editionen und Verleger, bevor Free League Publishing 2022 eine neue Edition über Kickstarter lancierte. Die deutsche Version, die der Uhrwerk Verlag ebenfalls über Crowdfunding finanzierte, hat es mittlerweile nach einigen Verzögerungsschleifen in die Regale geschafft. Eine 72-seitge PDF-Version des Schnellstarters findet sich auf der Uhrwerk-Homepage zum Download.
Kein Setting, kein Problem
Die Abenteuer vom Dragonbane spielen im verborgenen Nebeltal, über das bis vor Kurzem Orks und Goblins herrschten. Mit deren Rückzug in die Berge ist das Land offen für Erkundung und eben Abenteuer. Das Setting ist bewusst dünn gehalten. Free League beschreibt Dragonbane explizit als Setting, das nur eine überschaubare Region beschreibt. Die Kosmologie dreht sich um den ewigen Kampf zwischen Drachen und Dämonen, was aber eher allgemeiner Hintergrund als tatsächliche Abenteuerhandlung ist. Im Schnellstarter selbst spielt das Setting kaum bis gar nicht eine Rolle.
Der 72-seitige Schnellstarter verspricht dafür – wie das so üblich ist – alles zu liefern, was man zum Losspielen braucht. Neben den kompakten Grundregeln bedeutet das: fertige Charaktere und zwei Abenteuer. Was der Schnellstarter hingegen nicht liefert: eine Beschreibung des Dragonbane-Settings, des Nebeltals allgemein. Es geht tatsächlich nur um das Losspielen, nicht um die Welt.
Für eben dieses Losspielen kommt Dragonbane mit einem sehr schmalen und einheitlichen Regelkern daher. Für die erfolgreiche Standardprobe muss mit einem W20 gleich oder unter dem Fertigkeitswert gewürfelt werden. Die Schwierigkeit einer Probe wird über mögliche Vorteile und Nachteile gesteuert, wodurch mit zwei W20 gewürfelt wird und nur der beste respektive schlechteste Wert zählt. Das sind die Regeln kurz und knapp. Dragonbane richtet sich also nicht ohne Grund an diejenigen, die ein Rollenspiel mit einem schnell erlernbaren und schlanken Regelsystem suchen.
Schlank und klar auf den Kampf fokussiert
So einfach die Regeln sind, so stark sind sie zugleich kampforientiert. Von den 20 Regelseiten des Schnellstarters beschreiben zehn die Regeln für Kampf und Schaden. Der Schnellstarter setzt dabei nicht nur in Umfang, sondern auch in Regeltiefe einen Schwerpunkt. Mit Regeln für Initiative, Aktionen, Reaktionen, Parieren, Ausweichen, Schaden, Schadensarten, Stoßen, Schleichangriff, Freier Angriff und Kritischer Treffer geht dieser Teil auch in seiner Tiefe spürbar über die Tiefe anderer Regelteile hinaus. Dass die schlanke Regelbasis damit nicht zwangsläufig Komplexität ausschließt, zeigt die Liste an Optionalregeln im Schnellstarter. Diese beschränken sich zwar nicht nur auf Kampfsituationen, haben mit Optionalregeln für Abwarten, verschiedenen Schadensarten und Rüstungen und für Stoßen hier aber ebenfalls ihren Schwerpunkt.
Was Dragonbane im Schnellstarter regelt und beschreibt, ist damit vor allem der Kampf. Auch die drei Magie-Seiten im Dokument mit ihren drei Zaubersprüchen sind vor allem auf kämpferische Auseinandersetzungen und Schaden ausgerichtet. Wer ein Rollenspiel mit detailliertem Sozial- oder Intrigensysteme möchte und einer tief ausgearbeitete Spielwelt, findet dazu in Dragonbane-Schnellstarter nichts.
Wo die Dragonbane-DNA liegt
Wer mit einem Schnellstarter loslegt, bekommt im Idealfall ein Gefühl für die Richtung, in die das Rollenspiel einen führt. Und gemessen an diesem Schnellstarter, ist der Weg, den Dragonbane einschlägt, eindeutig.
Die beiden Schnellstarter-Abenteuer sind zwei Dungeon-Abenteuer, für die das Dragonbane-Setting lose Anknüpfungspunkte liefert. Neben einem klassischen Dungeon-Crawl, bei dem Kampf und Erkundung im Mittelpunkt stehen, gibt es einen Rätseldungeon, bei dem clevere Lösungen Kämpfe vermeiden können. Kampf ist in Dragonbane also mitnichten ein Selbstzweck, aber doch zentrales Element des Spiels.
Dragonbane liefert mit dem Schnellstarter durchaus das, was es verspricht. Ein klassisches Fantasy-Rollenspiel mit einfachen Regeln, das sich ohne lange Vorbereitungszeit und Studium von Regelmechaniken und Settingdetails spielen lässt. In seinem Kern ist Dragonbane, so wie es der Schnellstarter präsentiert, aber ein Rollenspiel mit Dungeon-Crawl-DNA. Das ist keine Schwäche. Wer Erkundung und Kampf in einem überschaubaren Setting mag, ist hier genau richtig. Wer ein Rollenspiel mit Tiefe jenseits des Kampfes sucht, greift woanders zu.
