D&Ds neuer Fahrplan: World of Warcraft, Star Wars und alte Bekannte
Man stelle sich vor, Ulisses kündigt an, in den kommenden zwölf Monaten kein Aventurien-Produkt mehr herauszubringen. Stattdessen möchte man sich auf neue Bände für Uthuria und Myranor konzentrieren. Als besonderes Highlight werde man zudem das DSA-Universum durch Setting-Kooperationen erweitern. Zum Auftakt soll ein eigenständiger Regelband die Welt aus der bekannten Gothic-Computerspielreihe erlebbar machen. Im nächsten Jahr dann werde ein DSA-Raumpatrouille-Orion-Crossover folgen.
Klingt verrückt? Aber ungefähr das hat Wizards of the Coast in dieser Woche für Dungeons & Dragons angekündigt.
Die Rollenspielmesse GenCon, die diesen Donnerstag in Indianapolis startete, nutzte Wizards of the Coast (WotC) für die pompöse Vorstellung kommender Dungeons & Dragons-Produkte. Dafür hatte der US-Verlag eigens ein sechsstöckiges Theatergebäude gemietet und in einen sogenannten D&D-Tower verwandelt. Es ist der bislang größte GenCon-Auftritt der Firmengeschichte. Und auch bei der Verkündung des Produktplans setzte der Verlag vor allem auf große Namen und bekannte Marken. Weniger dafür auf originäre D&D-Produkte.
Der D&D-Fahrplan: World of Warcraft, dann Star Wars
Auf der „D&D Vision Keynote“ bestätigte WotC eine Kooperation zwischen Dungeons & Dragons und World of Warcraft. Eine solche Zusammenarbeit war bereits zuvor durch ein mutmaßliches Leak auf der Online-Plattform Roll20 vermutet worden. Das nun offiziell angekündigte D&D‑WoW‑Crossover wird den Titel „Dungeons & Dragons: World of Warcraft“ tragen und soll am 17. November 2026 veröffentlicht werden. Der Band mit rund 256 Seiten bringt spielbare Völker aus dem Online-Rollenspiel World of Warcraft, neue Zaubersprüche und Unterklassen sowie Spielwerte für zentrale Figuren aus dem Computerspiel.
Für das kommende Jahr kündigte der Verlag eine Kooperation an, die weit über die klassische D&D-Fantasy hinausgeht. Im Spätherbst 2027 möchte WotC D&D-Produkte für das Star-Wars-Universum herausbringen, die vermutlich Kampagnen in der Zeit der galaktischen Rebellion ermöglichen. Details sind noch nicht bekannt. Bestätigt ist bislang nur, dass es sich nicht um ein neues, eigenständiges Rollenspielsystem handelt, sondern – vermutlich ähnlich wie bei der WoW-Kooperation – um Inhalte für das bestehende D&D-5e-Regelwerk. Die Lizenz für die klassische Star-Wars-RPG-Linie verbleibt indes bei Edge Studios.
Das Vorbild heißt: Magic
Markenkooperationen dieser Form sind keine D&D-Neuerfindung, sondern bereits aus dem Sammelkartenspiel Magic: The Gathering bekannt. Dort laufen sie unter dem Namen „Universes Beyond“, den der Verlag nun auch für D&D nutzt. Bei Magic bezeichnet der Begriff seit 2021 lizenzierte Crossover-Sets, durch die fremde Marken wie Herr der Ringe, Final Fantasy oder Marvel in Magic-Kartenmechanik übersetzt werden. Chris Cocks, der Chef des WotC-Mutterkonzerns Hasbro, hatte im Mai 2026 von den „fantastischen Erfahrungen“ gesprochen, die man mit Crossovern bei Magic gemacht habe. D&D sei laut Cocks als offenes Regelsystem für solche Kooperationen geeignet. Mit World of Warcraft folgt nun das offiziell erste „D&D: Universes Beyond“-Produkt.
Für den Konzern sind die Crossover-Reihen von Magic ein bedeutendes Geschäftsfeld. Nach aktuellen Geschäftszahlen hat Hasbro allein im zweiten Quartal 2026 erstmals über 500 Mio. US-Dollar Umsatz mit der Magic-Produktlinie generiert. Der Gesamtumsatz von Wizards of the Coast, zu denen Magic gehört, stieg im Vorjahresvergleich um 27 Prozent auf 663,8 Mio. US-Dollar. Das Wachstum sei überwiegend Magic-getrieben gewesen. Separate Umsatzzahlen für D&D weist das Unternehmen nicht aus. Die Sparte Dungeons & Dragons laufe laut Cocks gut. Aber die Zahlen zeigen, dass Magic als Geschäftsfeld ungleich größer als D&D ist.
Alte Bekannte: Dark Sun, Dragonlance, Greyhawk
Um den Umsatz im Rollenspielbereich zu treiben, setzt das Unternehmen aber nicht nur auf Kooperationen mit großen Marken. WotC möchte zudem bekannte Namen der D&D-Geschichte wiederbeleben. Für Anfang 2027 kündigte der Verlag die Veröffentlichung neuer Bücher für das Dark-Sun-Setting an. Die postapokalyptische Wüstenwelt gehört zu den eher ungewöhnlicheren D&D‑Hintergründen. Spielmaterial erschien vor allem in den Neunzigerjahren. Für das kommende Jahr plant der Verlag mit „Blood & Power“ einen Band mit neuen Klassenoptionen und mit „Edge of Oblivion“ eine Abenteuer-Erweiterung. Zusätzlich ist eine limitierte Spielerhandbuch-Variante mit Dark-Sun-Artwork geplant.
Neben Dark Sun möchte Wizards of the Coast auch andere etablierte Settings neu bespielen und holt sich dafür prominente Unterstützung. Wie auf der Keynote bekanntgegeben wurde, soll Luke Gygax, Sohn von Gary Gygax, an Produkten für Greyhawk arbeiten, dem klassischen D&D‑Fantasysetting seines Vaters. Für das bekannte D&D-Setting Dragonlance habe man zudem das Autoren-Duo Margaret Weis und Tracy Hickman engagiert, die in den Achtziger- und Neunzigerjahre mit den Dragonlance-Romanzyklen berühmt wurden. Der Schriftsteller Robert Anthony Salvatore soll zudem an einem Projekt im Umfeld von Drizzt Do’Urden arbeiten, seit den Neunzigerjahren eine zentrale Figur in den D&D‑Dunkelelf-Romanen.
Die große Leerstelle: Forgotten Realms
Was in all den Ankündigungen damit fast vollständig fehlt: Forgotten Realms. Die Schwertküste, das eigentliche Kernsetting von Dungeons & Dragons, spielt in den Plänen von Wizards of the Coast kaum eine Rolle. Publikationen dazu werden an Drittanbieter wie Kobold Press ausgelagert oder sind eher Randerscheinung, wie beim Drizzt-Dunkelelf-Projekt. Der Verlag setzt ganz auf die Wiederbelebung alter Setting-Größen und Markenkooperationen nach Magic-Vorbild. Den D&D-Umsatz nach Magic-Vorbild zu entwickeln, dürfte damit allerdings nicht gelingen. Das ist aber wahrscheinlich auch gar nicht das Ziel.
Worum es wirklich geht: das Abo
Hasbro selbst hat wiederholt betont, dass der eigentliche Wachstumsmotor bei D&D nicht der Einzelverkauf von Büchern ist. Den Großteil des Umsatzes generiert das Unternehmen mittlerweile über die Digitalplattform D&D Beyond. 2024 kam laut EN-World-Bericht bereits rund 60 % des D&D-Umsatzes aus direkten Verkäufen an Kunden, vor allem über Abos, digitale Tools und Bundles.
Für das Crossover mit World of Warcraft plant WotC ein Buch, das ausdrücklich als „Gameplay Expansion“ betitelt wird. Spielerinnen und Spieler sollen ihre eigenen Geschichten mit den Settings und Figuren aus über 20 Jahren Online-Rollenspiel-Geschichte bauen können. Das Buch ist also ausdrücklich als Werkzeugkasten gedacht. Die Nachfrage nach einem solchen Band dürfte da sein. Aber abseits einzelner Einzelbuch-Verkaufsspitzen ist das sicherlich kein Umsatzbringer, schon gar nicht ein Umsatzbringer in Magic-Dimensionen.
Die tatsächlich erhoffte Umsatzwirkung dürfte weniger über den Buchverkauf laufen als darüber, Fans über milliardenschwere Marke wie WoW oder ikonische Settings wie Dark Sun oder Dragonlance in das D&D-Ökosystem zu ziehen. Kundenbindung und Umsatzgenerierung läuft dort nicht über Boosterpacks, sondern über fortlaufende Inhalte, die über D&D-Beyond zu kaufen oder zu abonnieren sind.
Vor diesem Hintergrund klingen die Ankündigungen von Wizards of the Coast gar nicht mehr so verrückt. Der Produktplan erscheint nicht mehr wie die Abkehr von einem etablierten Kernsetting, sondern wie die konsequente Verbreiterung des Abo-Kundenstamms – und sei es durch ein Setting für Raumpatrouille-Orion-Star-Wars-Fans.
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