Krautbestellung im Hochsommer
Okay, reden wir übers Wetter. Soll man ja eigentlich nicht machen. Als Small-Talk-Thema ist Wetter ausgelutscht. Aber wenn das Thermometer auf 40 Grad steigt und es eine amtliche Warnung vor extremer Hitze gibt, ist das kein Small Talk mehr. Dann ist das Big Talk.
Die aktuelle Hitzewelle bricht reihenweise Temperatur‑Rekorde, trifft viele Regionen in Europa sehr früh im Sommer, hat gravierende gesundheitliche und infrastrukturelle Folgen. Nur die Hinterschwurbeligsten werden da noch sagen: „Pah. Klimawandel. Früher war auch heiß.“
Wohl dem, dem es angesichts der Hitze gelingt, die eigene Wohnung noch halbwegs kühl und ertragbar zu gestalten. Leicht ist das nicht. Wer es schafft, der kann sich ganz auf diesen Newsletter konzentrieren. Alle anderen können sich vielleicht ein wenig davon ablenken lassen, was aus der Rollenspielszene der vergangenen 14 Tage zusammengetragen wurde.
Krautbestellung für eine nahe Insel und das ferne All
Crowdfunding. Darf man das eigentlich noch so sagen? Dass viele Menschen kleine Beträge beisteuern, um ein Projekt zu ermöglichen, das sonst nicht realisierbar wäre, trifft auf die deutsche Rollenspielszene bekanntlich nur sehr eingeschränkt zu. Müsste man daher nicht einen treffenderen Begriff wählen? Vorbestellaktion? Vorauskasse-Krautbestellung?
Die beiden großen verdienstvollen Rollenspielverlage in Deutschland, Ulisses und Uhrwerk, haben dieser Tage jeweils eine neue Krautbestellung gestartet. Für die Maraskan-Regionalbeschreibung haben sich aktuell bereits über 1.000 Personen gefunden, die Ulisses zusammen 200.000 € per Vorkasse überweisen wollen. Der Uhrwerk Verlag wird für die künftigen Arbeiten an der 2. Edition des Star-Trek-Adventures-Regelwerk derzeit mehr als 18.000 € von über 100 Personen erhalten. Die Bestellungen laufen noch rund zwei (Maraskan) bzw. drei Wochen (Star Trek) und haben ihr Finanzierungsziel bereits erreicht. Wobei es darum aber eigentlich gar nicht geht.
1,3 Millionen Unterschriften. Und wem gehört nun das E-Book?
Die Initiative “Stop Destroying Videogames” fordert von der EU, dass gekaufte digitale Spiele dauerhaft nutzbar bleiben, auch wenn die Hersteller den Support einstellen. Die Petition mit 1,3 Millionen Unterschriften wurde zwar von der EU-Kommission abgelehnt, jedoch wird die Debatte über Eigentum und Besitz im digitalen Zeitalter fortgeführt. Als Rollenspieler könnte man da mit den Schultern zucken und sich an seiner gepflegten E‑Book-Bibliothek auf der lokalen Festplatte erfreuen. Wer möchte, kann aber ja mal auf ulisses-ebooks nach den Nutzungsbedingungen suchen. Man landet irgendwann auf der Seite roll20.net, die zu US‑Firma The Orr Group LLC gehört, und der eigentliche Betreiber ist. Wer ein Rollenspiel-E-Book kauft, kauft natürlich kein E-Book, sondern nur eine Lizenz zur Nutzung von digitalen Inhalten. Das mag bei Rollenspiel-PDFs wenig dramatisch wirken. Bei anderen digitalen Rollenspielprodukten sieht das aber womöglich schon anders aus. Und welche Fragen sich auftun, wenn Anbieter wie roll20 ihr Angebot irgendwann mal einstellen oder abändern, zeigt: Es ist kompliziert.
Sonst noch neu…
- Rezensionen sind so eine Sache. Wer in der Rollenspielszene was auf sich hält, schreibt Rezensionen. Das Internet ist voll von Rezensionen zu Rollenspielprodukten, was grundsätzlich eine feine Sache ist. Der eher überschaubaren Zahl an Rollenspielerinnen und Rollenspielern steht eine tendenziell unüberschaubare Masse an Rollenspielmaterial gegenüber. Rezensionen, die Orientierung und Einordnung bieten, sind nur hilfreich. Eine hilfreiche Rezension zu schreiben, ist jedoch meist leichter gesagt als getan (ich spreche da aus Erfahrung). Zu oft verrät eine Rezension mehr über die rezensierende Person als über das zu rezensierende Produkt. Wenn jemand wie Dnalor the Troll dann transparent beschreibt, nach welchen Kriterien er eigentlich rezensiert, ist das äußerst löblich.
- Das Gegenteil von neu ist bekanntlich alt. Aber was ist eigentlich mit Alte Schule gemeint? Mit Old School im Rollenspielkontext? Dieser Frage wird auf Kritischer Fehlschlag nachgegangen. In dem auf Deutsch übersetzten Text beschreibt James Maliszewski „Old School“ als Spieltradition, die bestimmte Grundannahmen über die Rolle von Spielleitung, Gruppe, Charakteren und Kampagnenwelt bündelt.
- Die Diskussion, was OSR nun ist, überlasse ich aber gerne denjenigen, die sich an Subkultur-Definitionskriegen aufreiben möchten. Ich finde es aber immer wieder schön, wenn sich jemand sehr über ein sehr nischiges Produkt in einer ohnehin sehr nischigen Branche begeistern kann. So wie hier moonmoth.de über Mythic Bastionland, einem schlanken Fantasy-Rollenspiel von Chris McDowall, das Ritter in einer mythischen, britisch geprägten Mittelalterwelt ins Zentrum stellt und im OSR-Fahrwasser steht: regelleicht, gefährlich, stark auf Hexcrawl-Erkundung fokussiert.
- BattleTech, Kampfkolosse im 4. Jahrtausend. Hard-Military-Fiction mit Kriegern und Krieg. Queere Repräsentation fehlte im Franchise zum Tabletop-Wargame (mit begleitendem Rollenspiel) historisch nahezu vollständig. Teile der Online-Community pflegten offen queerfeindliche Töne. Auf Sarna-TV haben queere Fans in einem Pride-Special nun erzählt, wie sie zum Franchise kamen, warum ein Discord-Channel als Safer Space für die LGBTQ+-Community entstanden ist, und wie diese Projekte zeigen, dass „BattleTech für alle ist“.
- Der Uhrwerk Verlag hat seinen Myranor-Produktplan aktualisiert. Und dabei einiges präzisiert, einiges zusammengeführt und einiges weiter ins Jahr 2027 geschoben. Was jetzt wann kommt.
Und sonst so?
- Auf rpgnosis gibt es gerade Grundsätzliches zu lesen: Warum Pen-&-Paper-Rollenspiel als komplexes Hobby und echtes Unikat so großartig ist. Und einen Text darüber, welche Rolle Regeln im Rollenspiel eigentlich spielen.
- Die NordCon 2026 ist vorbei. Der NDR zeigt in einem Beitrag, wie bunt und familienfreundlich das Fantasyspektakel in Hamburg ist. System Matters berichtet von vollen Workshops, guten Gesprächen und einem rundum gelungenen Con-Wochenende. Kritischer Fehlschlag zieht als Barcosa-Kollektiv ein lernreiches Fazit aus dem ersten Auftritt als Aussteller. Und auf YouTube fängt Orkenspalter TV Atmosphäre, Programm und das typische NordCon-Wetter ein.
