„Lieber etwas Eigenes machen“ – Interview mit DDD-Verlagsleiter Carsten Grebe
Ende 2024 ist in der deutschen Rollenspielwelt eine kleine Ära zu Ende gegangen. Drei Jahrzehnte lang brachte der DDD-Verlag regelmäßig und zugleich fast ausschließlich Produkte für Midgard heraus: Abenteuer, Kampagnen, vor allem aber das Magazin Dausend Dode Drolle war seit 1993 eine feste Größe in der Szene. 2025 dann übernahm Pegasus Spiel die Rechte an Midgard und kündigte eine neue Regeledition an. Für DDD blieb keine Midgard-Anschlusslizenz übrig. Plötzlich stand ein Verlag, dessen komplettes Rollenspielprogramm an eben dieser Lizenz hing, ohne Rollenspiel da.
Als Reaktion darauf verabschiedete sich der DDD Verlag nicht nur (notgedrungen) vollständig von Midgard, sondern auch von seiner bisherigen Rolle als Lizenznehmer. Stattdessen arbeitete der Kleinverlag aus Würzburg an einem eigenen Rollenspiel mit eigenen Regeln und einer eigenen Welt: 7töter.
Mit Carsten Grebe, Gründer und Geschäftsführer von DDD, habe ich über den Moment gesprochen, als klar wurde, dass es mit Midgard vorbei ist. Darüber, was von einem Verlag eigentlich übrig bleibt, wenn die Grundlage seines gesamten Programms wegfällt. Und darüber, wie aus einem Ein-Mann-Betrieb, der nebenbei Layout und Marketing gemacht hat, in kurzer Zeit ein Team mit Chefredakteur und hauptberuflichen Projektleitern wurde.
Carsten Grebe, der DDD-Verlag ist durch das Midgard-Magazin Dausend Dode Drolle bekannt. Im August 2023 war klar, dass ihr künftig keine Midgard-Edition mehr bekommen würdet. Was stand danach im Raum?
Wir haben 30 Jahre lang für ein System gearbeitet. Da steckt viel Herzblut drin. Und plötzlich stand fest: Für Midgard würden wir künftig nichts mehr machen können. Nach der Ankündigung haben wir uns mit unserem Team zu einer Videokonferenz zusammengesetzt und darüber gesprochen, wie es weitergehen könnte. Schnell war klar, dass niemand von uns aufhören wollte, Rollenspiele zu machen. Die Lust, Welten zu erschaffen und Geschichten zu erzählen, war nach wie vor da. Wir hatten über drei Jahrzehnte viel Erfahrung gesammelt, ein großes Netzwerk aufgebaut und vor allem ein Team von Menschen um uns, die weiterhin etwas gemeinsam schaffen wollten. Also entstand der Gedanke: Warum machen wir nicht etwas Eigenes? Wenn wir unabhängig weitermachen wollten, brauchten wir eine eigene Welt und ein eigenes Regelsystem. Aus diesem Gedanken ist schließlich 7töter entstanden.
Dass der Einfluss von Midgard Bedeutung haben wird, war uns von Anfang an bewusst. Wir wollten aber kein bestehendes System nachbauen, sondern aus dem, was wir über viele Jahre am Spieltisch gelernt haben, etwas Eigenständiges entwickeln. Die Regeln sollten zugänglich sein und vor allem die Art von Geschichten unterstützen, die wir mit 7töter erzählen wollen.
Der Ausgangspunkt war deshalb sehr stark die Spielwelt. In den ersten Brainstormings kristallisierte sich immer deutlicher dieses düstere, mythische Märchen-Setting heraus. Einflüsse aus der mitteleuropäischen und besonders der slawischen Sagen- und Märchenwelt spielten dabei eine große Rolle. Wir wollten eine Fantasywelt, in der vertraute Wesen wie Elfen, Zwerge und Orks vorkommen, die sich aber trotzdem anders anfühlt: geheimnisvoller, rauer und stärker von alten Mythen, Aberglauben und Märchenmotiven geprägt.
Aus dieser Welt heraus hat sich dann auch das Regelsystem entwickelt. Regeln und Setting sollten nicht nebeneinanderstehen, sondern einander unterstützen.
Ihr kommt aus der Midgard-Tradition. Was passiert in einer 7töter-Runde trotzdem anders als in einer Midgard- oder DSA-Runde?
Der größte Unterschied liegt wahrscheinlich darin, dass bei 7töter Welt, Regeln und Mythologie sehr eng miteinander verzahnt sind. Die Figuren sind nicht einfach nur Abenteurer, die durch eine Fantasywelt ziehen. Sie sind Legendengeborene. In ihnen steckt etwas, das sie mit den alten Geschichten und den Kräften dieser Welt verbindet. Das kann rein über die Regeln funktionieren, lässt sich aber ebenso als erzählerisches Konzept spielen.
Dazu kommen die Legendarien und die sieben Masken der Welt. Sie prägen, wie die Entrückten Lande wahrgenommen werden und welche Geschichten dort entstehen. Die Sieben ist zudem keine Zahl, die wir dem Spiel nur als Symbol übergestülpt haben, sie steckt in den Mechanismen, wie beispielsweise dem Siebentöter-Wurf.
War schnell klar, dass ihr etwas Eigenes machen wollt?
Eigenständig zu sein, erschien uns als kleiner Verlag viel günstiger, als sich abermals neu an eine bereits bestehende Produktlinie zu binden. Lieber etwas Eigenes machen, war für uns der richtige Pfad. Das galt auch für viele unserer Schreibenden, die teils über ein Jahrzehnt lang bereits gemeinsam mit uns in unserer Midgard-Lizenzlinie zusammengearbeitet haben. Fast alle waren schnell bereit, mit dem neuen Weg einzuschlagen. Deshalb sind wir zeitlich gut herausgekommen, da sich alle kannten und schon mehrfach in Projekten zusammengearbeitet hatten. Mit Dirk Richter haben wir aus unseren langjährigen Mitarbeitern jemanden gefunden, der seitdem mehr als nur versucht, alles zusammenzuhalten und eine Form zu geben.
Bei anderen Systemen dauert die Entwicklung oft Jahre. Bei euch ging es relativ schnell, obwohl ihr bis Ende 2024 noch rund 17 Midgard-Titel herausgebracht habt.
Wenn wir die nicht noch gemacht hätten, wären wir mit 7töter sogar schneller gewesen. Ich war 2023 und 2024 zu hundert Prozent mit Midgard beschäftigt, damit wir die Sachen noch herausbringen konnten. Parallel lief dazu bereits die 7töter-Entwicklung.
Ist 7töter also eure Version von Midgard 6?
Das ist auch für uns eine spannende Frage. Ohne jeden Zweifel sehen wir uns, was die Inspirationen für 7töter betrifft, von Midgard in den Editionen 4 und 5 inspiriert. Zu nennen ist da auch D&D, FATE und Dungeonslayers. Wie unsere Verlagsgeschichte zeigt, kam uns über 30 Jahre Midgard gut zu Pass, da wollen wir eine Tradition erst gar nicht verleugnen, aber keine Fort- oder Weiterführung ausgestalten.
Und wie hat sich der Verlag durch den Umbruch verändert?
Vorher war es nie ein professioneller Bereich, den ich als Hauptjob hätte bezeichnen können. Das lief alles hobbymäßig. Jetzt haben wir ein viel größeres Team. Dirk Richter ist Chefredakteur, Marvin Kerkhoff macht das Layout, dazu ein ganzes Team an Autoren, Kartenzeichnern und Lektoren. Wir haben Leute, die sind hauptberuflich Projektleiter. Das gab es vorher nicht. Jetzt wird das viel strukturierter angegangen.
Das DDD-Magazin hast du selbst einmal eine Liebhaberei genannt, Texte dafür waren unbezahlt. Ist 7töter anders?
Wir wollen ein professionelles Regelwerk schaffen, professionelle Bände machen. 7töter ist ja schon einmal kein Magazin. Texte für 7töter werden bezahlt, anders als bei unserem Magazin. Autoren, Illustratoren und Kartenzeichner bekommen etwas dafür. Unser Ziel ist es nicht, lediglich die Produktionskosten hereinzuholen. Da wollen wir schon mehr. Insofern ist es kein Liebhaberprojekt.
Wie weit ist denn das Regelwerk aktuell?
Die Arbeiten sind weit fortgeschritten. Termine sind immer so eine Sache. Unlängst hat Dirk Richter in einem anderen Interview ähnliches gesagt und einen Termin benannt, der indes nur dann möglich werden könnte, wenn alles wie am Schnürchen läuft. Meistens ist das leider nicht der Fall. Die Entwicklung ist jedenfalls weit fortgeschritten; aber es kommen noch Illustrationen dazu, parallel laufen Playtests, Karten müssen gezeichnet, das Layout gemacht, und alles muss gedruckt werden.
Unser Grundregelwerk ist darauf ausgerichtet, Fähigkeiten, Zauber, eine Auswahl an Kreaturen und Artefakten sowie eine spieltaugliche Beschreibung wichtiger Elemente der Welt zur Hand zu geben. Ein extra Magieband als Teil eines GRW-Bündels wird es nicht geben. Sehr wohl planen wir mit Ergänzungsregeln in anderen Produkten. Bekanntermaßen verkaufen sich Spielregeln gut.
Was folgt danach?
Angekündigt ist noch nichts, aber es wird Quellenbände und Abenteuerbände geben. Wir wollen eine ganze Reihe an Abenteuern herausbringen, die schon in einem hohen Reifegrad sind, damit die Leute spielen können. Viele denken sich ihre Abenteuer selbst aus, aber wir wollen auch vorgefertigte bereitstellen, damit man reinschnuppern kann.
Ihr plant also eine langfristige Produktlinie. Der deutsche Rollenspielmarkt ist aber voll und nicht besonders groß. Warum sollte jemand bei 7töter reinschnuppern und dabeibleiben?
Es ist ein eher klassisches System, in dessen Traditionen wir durchaus stehen, aber ebenso zusammengeführt mit narrativen Ansätzen. Ein Schwerpunkt wird das Setting sein, daran wurde uns bisher auch das größte Interesse bekundet. Und wir wollen keinen One-Shot machen, bei dem ein Regelwerk erscheint, vielleicht ein Ergänzungsband, und dann sind wir schon beim nächsten Produkt. Das ist längerfristig gedacht.
Das Magazin war lange die Adresse für Leute, die ihr erstes Abenteuer geschrieben hatten. Welche Möglichkeiten sollen Fans und externe Autoren bei 7töter haben?
Da sind wir grundsätzlich offen. Wir haben lange selbst davon profitiert, dass wir in Lizenz Material veröffentlichen durften. Wir sehen es als Bereicherung, wenn Fans etwas machen wollen, und ermuntern sie, an uns heranzutreten. Vielleicht ergeben sich Kooperationen. Die Community lebt davon, dass die Fans etwas für das System machen.
Wo siehst Du 7töter dann in fünf Jahren?
Ich bin überzeugt, dass wir bis dahin verschiedenste Spielbände für 7töter herausgebracht haben werden; an mehreren wird auch bereits gearbeitet. Wir haben ein großes Autorenteam, das an Hintergrundmaterial und Abenteuern arbeitet. Ob es ein Erfolg wird, sieht man vor allem daran, ob es auf den allgemeinen Conventions gespielt wird. Der Aufbau selbst und dann die fortlaufende Präsenz von 7töter auf größeren Rollenspiel-Cons ist eines unserer Ziele. Uns würde es stolz machen, hier mit etlichen 7töter-Runden am Start zu sein. Wenn es keiner kauft, macht es natürlich wenig Sinn, weiter etwas herauszubringen. Aber wir werden nicht gleich die Flinte ins Korn werfen, wenn das Interesse anfangs nicht so hoch ist.
Vielen Dank, Carsten.

Danke für das Interview. Die Leute hinter 7töter machen einen wirklich guten Job und ich finde man merkt, dass sie hinter dem Projekt stehen und davon selbst überzeugt sind. Was auch absolut richtig ist! Morgen, 5 Uhr, erscheint übrigens ein Videopodcast, in dem ich mit Dirk Richter und Carsten Grebe über den Schnellstarter zu 7töter rede. Dein Interview hier werde ich in den Shownotes der Podcast-Episode sowie in der Videobeschreibung des Videos verlinken. 🙂
Danke Dir! Prima Hinweis (ich werde reinschauen/reinhöen) 🙂
Danke für das Interview!
Ich bin gespannt, wie der USP in Welt und Regeln wird. Klingt schon mal interessanter, als Standard-Fantasy-Welt Nummer 101.
Ich freue mich es auf Conventions zu sehen und was die verschiedenen Rezensent*innen darüber berichten.
Ich wünsche dem System viel Erfolg!