Zehn Jahre DSA5-Regionalbände – Mehr Seiten, mehr Wert?
Vor zehn Jahren erschien der Aventurische Almanach, die DSA5-Grundbeschreibung Aventuriens. Es war Auftakt und Einstieg in die neue detaillierte Ausarbeitung der Spielwelt für die 5. Regeledition des Schwarzen Auges. Und detailliert heißt: detailliert.
Im zurückliegenden Jahrzehnt hat Ulisses Spiele elf DSA5-Regionalbeschreibungen veröffentlicht. Inklusive der überarbeiteten Neuauflagen sind es sogar 15 Veröffentlichungen gewesen. Zum Kern der Regionalbeschreibungen gehören seit DSA5 zudem begleitende Bände, die regionsspezifische Regeln oder Mysterien und Abenteueraufhänger separat bündeln. Insgesamt kommt DSA5 damit mittlerweile auf über 40 Regional-Bücher mit insgesamt rund 6.000 Seiten. Das hat zwar noch nicht ganz die Dimension des seligen Brockhaus-Lexikons. Aber mal zum Vergleich: Die grüne Reihe der DSA4-Regionalbände umfasste 16 Bücher mit zusammen „nur” rund 3.000 Seiten.
Gemessen an der Seitenzahl hat sich das verfügbare Material für die aventurischen Regionen mit DSA5 bereits verdoppelt, ohne dass Aventurien damit auch nur annähernd vollständig neu beschrieben wäre. Ohne Novadis, Thorwalern, Echsenmenschen und Nivesen zu nahe treten zu wollen… Aber bislang sind in der fünften Regeledition überwiegend die Randvölker und Nebenregionen des Kontinents beschrieben worden. Regionalbände zu den Kernlanden des Mittelreichs, zum Horasreich und zu Al’Anfa fehlen ebenso wie Bände zu Elfen, Zwergen und Orks.
Ein neues Format seit 2023
Vor drei Jahren, im Mai 2023, kündigte Ulisses Spiele die Neustrukturierung der Regionalspielhilfen an. Seitdem besteht die Beschreibung einer Region aus drei Bänden: dem Hauptband mit einer regelfreien Beschreibung der Region, dem Spielleiterband mit Mysterien und einem Regionalabenteuer und dem Spielerband mit den Regeln, um einen Helden aus der Region zu spielen und auszurüsten.
Der Hauptband einer Regionalbeschreibung ist seitdem merklich dünner geworden. Statt den bis 2023 üblichen 192 Seiten haben die Bücher seitdem 128 oder manchmal auch 132 Seiten. Die fehlenden 60 Seiten sind in die beiden separaten Bände gewandert. Doch auch mit 128 Seiten sind die Beschreibungen der Regionen bei DSA5 deutlich umfangreicher und detaillierter als noch bei DSA4.
Raschtuls Atem als exemplarische Messlatte
Raschtuls Atem beispielsweise, der dritte Band der grünen Reihe von DSA4-Regionalspielhilfen aus dem Jahr 2005, beschrieb auf knapp 200 Seiten die Wüste Khôm und die Echsensümpfe. Mit der fünften Regeledition wurde die Beschreibung auf zwei Bände aufgeteilt, auf den Regionalband Das Wüstenreich aus 2023 und auf den Band Die Echsensümpfe aus 2024.
Unterschiede im Layout lassen alle Vergleiche nur eine Annäherung sein. Aber grob gezählt sind im DSA4-Band Raschtuls Atem rund 60 Seiten mit Inhalten zu den Echsensümpfen und Selem gefüllt. Knapp 50 Seiten davon waren Beschreibungen der Region, besonderer Örtlichkeiten und Persönlichkeiten, etwa 9 Seiten waren Spielleiterinformationen und zwei Seiten enthielten Regelergänzungen für das Spiel von Helden aus der Region. Dem gegenüber stehen bei DSA5: der Hauptband mit 132 Seiten, der Spielleiterband mit 96 Seiten (von denen 48 ein eigenständiges Abenteuer sind) und der Spielerband mit ebenfalls 96 Seiten. Selbst ohne das 48-seitige Regionalabenteuer im Spielleiterband kommt die neue Beschreibung damit auf 276 Seiten gegenüber 60 DSA4-Seiten.
Wer angesichts dieser Zahlen nun „Äpfel! Und Birnen!” schreit, der hat selbstverständlich recht. Ulisses hat seine Produktstrategie mit der 5. Regeledition des Schwarzen Auges gänzlich anders gestrickt. Doch selbst der Kern der neuen Regionalbeschreibungen, der regelfreie Hauptband mit seinem Fokus auf Kultur, Orte, Völker und Geografie, ist mit 132 Seiten gegenüber den 60 Seiten bei DSA4 deutlich umfangreicher geworden.
Der Äpfel- und Birnen-Fraktion ließe sich an dieser Stelle ein „So nämlich!“ entgegenrufen. Es gibt mit DSA5 unzweifelhaft noch mehr Details, noch mehr Beschreibung und noch mehr Material. Es gibt schlichtweg viel mehr Äpfel und Birnen. Viele DSA-Fans wird das freuen. Sie greifen verlässlich zu, sobald ein neues Buch auf dem Markt erscheint oder ein Crowdfunding startet.
Wer dem stetigen Zuwachs an DSA-Material indes grundsätzlich kritisch gegenübersteht und die negativen Folgen der immer detaillierten Ausgestaltung der Spielwelt fürchtet (an dieser Stelle sei an den Job von Thomas Römer erinnert, der sich durch 150.000 Seiten DSA-Material wühlen muss), der wird sich nur schwerlich mit der aktuellen Produktpolitik von Ulisses anfreunden können.
Die eigentliche Frage: Kanon statt Seitenzahl
Doch egal, welcher Fraktion man sich zurechnet, der allein quantitative Blick auf die immer größer werdende Seitenzahl ist kaum ausreichend. Wichtiger ist schließlich, womit die Seiten gefüllt werden. Diejenigen, für die jeder Seitenzuwachs grundsätzlich ein Graus ist, mag das vielleicht nicht überzeugen. Alle anderen dürften sich aber wahrscheinlich die Frage stellen: Ist der Zuwachs sinnvoll?
Jede Information in einem offiziellen DSA-Buch ist schließlich eine kanonische Setzung, die künftige Texte, Autoren und Spielleiter bindet. Wenn laut Regionalbeschreibung die zweite Milchkanne von links in Seshwick an der Weggabelung von Honingen nach Glydwick keinen Henkel hat, kann ich als Spielleiter nicht einfach behaupten, dass Bauer Alrik diese Milchkanne am Henkel packt, um damit am bekannten Seshwicker Milchkannenweitwurfwettkampf teilzunehmen. Das wäre ein kaum zu verzeihender Bruch mit dem offiziellen Aventurien.
Glücklicherweise sind die in DSA5-Regionalbeschreibungen enthaltenen Setzungen weitaus sinnvoller und hilfreicher als der Verweis auf einen fehlenden Henkel. Raschtuls Atem zum Beispiel und seine beiden Nachfolgebände sind erfreulich henkellos.
Grob gerechnet hat Ulisses mit den DSA5-Bänden Das Wüstenreich und Die Echsensümpfe den Umfang der Beschreibung der Region verdoppelt. Die grundlegenden Inhalte waren – wie sollte es auch anders sein? – bereits in Raschtuls Atem enthalten und werden in den neuen Bänden aufgegriffen, fortgeführt und vielfach vertieft. An einzelnen Stellen wäre weniger durchaus mehr gewesen, etwa dort, wo Maße und Gewichte kaum spielpraktischen Nutzen haben oder eine lange Ereignischronik eher Nachschlagewerk als Abenteuerstoff bleibt. Aber Kapitel wie Handel & Wandel waren auch schon in den DSA4-Regionalbeschreibungen enthalten und sind nicht Treiber des Materialzuwachses mit der 5. Edition.
Der Zuwachs an Material ist kein überflüssiges Aufblähen alter Inhalte. Gelegentlich werden alte Inhalte aufgewärmt. Doch das, was neu hinzukommt, ist entweder eine Neusetzung von bisherigem Spielmaterial – das trifft vor allem auf die Beschreibung der novadischen Gesellschaftsstruktur zu – oder es ist zusätzliches Material, das die bisherige Beschreibung erweitert. Und das geschieht überwiegend sehr dicht und konzeptreich.
Zwanzig Orte, zwanzig Aufhänger
Mit DSA5 werden pro Region deutlich mehr Orte und Personen im Detail beschrieben, als das bei DSA4 üblich war. Erfreulicherweise beschränken sich die Beschreibungen nicht bloß auf ein paar generische Zahlen und Fakten, sondern enthalten in ihrer großen Mehrheit besondere Merkmale und oft auch klare Abenteueraufhänger, Konflikte oder Alleinstellungsmerkmale.
Besonders deutlich wird das bei der Beschreibung der kleineren Orte im Band Die Echsensümpfe:
| Ort | Einwohner | Kerninhalt |
| As’Geran | 100 | Flüchtlingsdorf, Maraskan-Handel, zwei benannte NSC im Konflikt |
| Astashar | 500 | Mensch-Achaz-Sternenkult-Gemeinschaft |
| Brrrst | 200 | Wrecker-Dorf (gezielte Schiffsstrandung) |
| Chag | 190 | Elend-Zufluchtsort, günstige Anwerbestation |
| Chi’Khro | 1.000 | Unterwasser-Ziliten-Stadt, tabuisierte Ruinen |
| Drs’Urr | 150 | Novadi-Grenzkonflikt, Obelisk-Artefakt-Aufhänger |
| Echas | 90 | Drachenkult-Konversionsgeschichte |
| H’Rudd | unbekannt | Mythischer, evtl. nicht existenter Ort |
| Ksir’Kuir | 500 | Geometrische Stadt, Sklavenhaltung, Auserwähltheitsideologie |
| Ma’Ru’Ra | 60 | Versklavtes Dorf unter Maru-Herrschaft |
| Nelgab | 70 | Mysteriöse Fürstin, unerklärte Importe |
| Port Kellis | 150 | Multikultureller Hafen, Sabotage-Konflikt |
| Port Zornbrecht | 300 | Kriegshafen, politischer Wandel |
| Rashid Ra’ad | 750 | Novadi-Zufluchtsort, neues Selbstverständnis |
| Rha’Chassar | 500 | In Fels geschlagene Stadt, Luftelementar-Technologie |
| Rha’Sskr | 300 | Magische Forschungsstadt, Gefahrenpotential |
| Skor’Vash | 100 | Verteidigungsdorf, moralisches Dilemma |
| Tsh’Awah | 250 | Gewaltverbots-Handelszentrum |
| Uru’Achin | 300 | Mensch-Echse-Hybridkultur |
| Zshorrkh-Zhlaah | 60 | Verunglückte Testregion, surreale Umweltfolgen |
Nicht in jedem Dorf wird das große Abenteuerrad gedreht. Wer aber in der Region reist, in der Region spielen möchte oder Ideen für Abenteuer oder zumindest interessante Spielszenen dort sucht, wird in den Beschreibungen sehr schnell fündig werden. Die Echsensümpfe sind damit ein Vorzeigebeispiel. In Das Wüstenreich ist die Mehrwert-Dichte nicht ganz so hoch. Aber die konzeptionelle Ausrichtung ist bei allen DSA5-Regionalbeschreibungen erkennbar.
Mit DSA5 werden die Regionen viel dichter beschrieben, als das bislang beim Schwarzen Auge der Fall war. Doch die Materialfülle ist eben nicht nur Füllwerk, sondern erfreulich oft tatsächlich Spielmaterial. Wer auf solches Material gerne verzichten kann und ohnehin lieber eigene Ideen am Spieltisch umsetzt und diese Freiheit schätzt, wird mit der DSA5-Materialfülle vermutlich trotzdem nicht glücklich. Alle anderen, die DSA spielen, weil verlässlich eben solches Spielmaterial geliefert wird, dürfen mit dem, was die 5. Regeledition des Schwarzen Auges regelmäßig bereitstellt, indes sehr zufrieden sein.
