Retro-Rezi: Der Wald ohne Wiederkehr
Akte des Hesindetempels zu Festum
Aktenzeichen: B02
Betreff: Ereignisse rund um die Ruine Andergast — Auswertung vorliegender Berichte
Angelegt durch den Tempelschreiber Brandomar Leuwen, im Auftrag der Hochwürdigen Archivarin Selissa von Tiefensee. Die hier versammelten Dokumente wurden über mehrere Jahre zusammengetragen und dienen der rückwirkenden Einschätzung jenes Unternehmens, das in der Provinz noch heute unter dem Namen „Der Zug in den Wald ohne Wiederkehr“ bekannt ist.
Akteninhalt:
- B02-01 Gesprächsprotokoll
- B02-02 Vermessungsbericht Ruine
- B02-03 Tagebuchseite
- B02-04 Akte 7 – Nachtrag zum Abschlussbericht
- B02-05 Bericht eines Gesprächspartners
- B02 Schlussvermerk
B02-01: Gesprächsprotokoll
Gesprächspartner: Köhler an der Waldhütte, westlich des Knüppeldamms.
Anlass: Befragung zu durchreisenden Fremden und den Verhältnissen im Wald.
Der Köhler gab an, vor kurzer Zeit sei eine kleine Gruppe Bewaffneter an seiner Hütte vorübergekommen. Er berichtete, er habe sie zunächst für Räuber gehalten. Eine naheliegende Verwechslung, denn der Wald mache schon seit der Zerstörung der Burg Andergast wenig Gutes mit seinen Besuchern. Die Gruppe habe auf seine Drohung ruhig reagiert und sich als im Auftrag König Kasimirs reisend ausgewiesen. Ihr Ziel: ein wertvolles Pergament zu finden, das die Ahnenfolge des Königshauses Nostrias belege.
Bemerkungen des Protokollführers: Der Befragte wirkte angespannt und gab die Auskünfte nur zögerlich — jedoch ohne erkennbare Widersprüche.
B02-02: Vermessungsbericht Ruine
Verfasser: Ordensbruder Tarkwin Seisser, Hesindetempel Festum, Abteilung für historische Stätten.
Aufgenommen: Einige Jahre nach den geschilderten Ereignissen, bei einer Begehung der Örtlichkeit.
Die untersuchte Anlage liegt am Rand eines ausgedehnten Sumpfgebiets. Der Zugang erfolgt über einen hölzernen Knüppeldamm von etwa zweihundert Schritt Länge. Berichte von Zeitzeugen verweisen auf magische Erscheinung im Umfeld der Ruinen. Nachweise dafür konnte während der Begehung nicht erbracht werden, die Berichte aber sind übereinstimmend.
Die Gesamtanlage misst etwa 100 mal 70 Schritt. Die Außenmauern sind überwiegend erhalten, der Torturm im Süden sowie drei Wachttürme an den Ecken teilweise eingestürzt. Der obere Baubereich umfasst insgesamt 18 Räumlichkeiten und ist stark beschädigt. Es gibt Hinweise auf einstmals besser erhaltene aber zugleich gesondert gesicherte Räumlichkeiten.
Unter der oberflächlichen Bebauungen liegt eine zweite, weitaus besser erhaltene Ebene. Das Kellergewölbe ist in seiner Anlage wesentlich verschachtelter. Es wurden deutliche Hinweise auf Fallen, Umlenkmechanismen und wenigstens ein labyrinthartiges Verwirrspiel gefunden.
Die Ruine ist heute unbewohnt. Vielerorts sind Spuren bewaffneter Auseinandersetzung nachweisbar.
B02-03: Tagebuchseite
Verfasser: unbekannt; mutmaßlich Mitglied der damaligen Gruppe
Gefunden: in einem Gasthaus in Andergast
Alrik ist tot.
Ich sitze hier und starre auf diese drei Worte und sie ergeben keinen Sinn. Alrik ist tot. Ich schreibe es noch einmal, weil ich es glauben muss, weil meine Hand zittert und die Kerze flackert und ich nicht weiß, ob ich diese Nacht überstehe, und weil das Schreiben das Einzige ist, was mich gerade davon abhält, zu schreien.
Das Ungeheuer kam aus der Kammer wie ein Schatten, der Zähne hat. Ich habe in meinem Leben Kämpfe gesehen. Ich habe Männer sterben sehen. Aber das war kein Kampf. Alrik schlug zu, wieder und wieder, mit seiner Axt, mit dieser schrecklichen Wut, die er in sich trägt… und das Ding ließ es einfach geschehen. Kein Taumeln. Kein Blut. Nicht einmal ein Zucken. Es war, als schlüge man gegen Nebel, als würde Stahl durch Luft fahren und nichts dahinter finden. Ich habe geschrien. Ich weiß nicht mehr was. Ich glaube, ich habe die Götter angerufen.
Dann hatte das Untier Alrik gepackt. Und Alrik, der Alrik, der nie um Worte verlegen war, der in jeder Schenke der lauteste und in jedem Kampf der erste war… Alrik brachte nur noch ein einziges Wort hervor, bevor es ihn zerriss:
Silber.
Silber. Natürlich. Die alten Gerüchte. Das Wirtshausgeschwätz, über das wir gelacht hatten, Alrik am lautesten von uns allen. Dass solche Wesen, diese Wolfsmenschen, nur durch Silber zu bezwingen seien. Wir hatten gelacht.
Ich lache nicht mehr.
Wo soll man hier Silber herbekommen? Ich sitze in einem Winkel dieser verfluchten Ruine, die Tür mit dem Rücken verbarrikadiert, und weiß nicht, ob die anderen noch leben. Zwischen verrosteten Klingen und morschem Gebälk und Knochen, die schon viel zu lange schweigen, findet man nur Tod. Keinen Ausweg. Und das Ding ist noch da draußen. Ich höre es. Oder bilde ich mir das ein? Ich weiß es nicht mehr. Ich weiß gar nichts mehr.
Alrik ist tot.

B02-04: Akte 7 – Nachtrag zum Abschlussbericht
Betr.: Bergung Pergament Andergast. Auftraggeber: Kgl. Hof Nostria.
Gruppe hat Ruine erreicht. Pergament geborgen. Auftrag gilt als erfüllt. Belohnung (s. Anweisung aus Vorwoche) ist auszuzahlen. Verluste unter den Beauftragten nicht abschließend dokumentiert; Vollständigkeit der Gruppe bei Rückkehr unklar. Für Zwecke dieser Akte nicht relevant.
Rd. d. U.: Murgol, Magier, neutralisiert. Untote in der Anlage ebenfalls. Ob dauerhaft, bleibt abzuwarten.
Vermerkt u. abgelegt. Akte geschlossen.
— Schreibstube d. kgl. Verwaltung, Abt. Besondere Aufträge
B02-05: Bericht eines Gesprächspartners
Aufgenommen viele Jahre nach dem Ereignis. Der Zeuge kannte einen der damaligen Teilnehmer persönlich.
Ich kenne die Ereignisse nur aus seinen Erzählungen. Aber er sprach oft von dem Zug in den Wald, als sei er gestern erst heimgekehrt. Er sprach nicht wie jemand, der prahlt. Eher wie jemand, der immer noch versucht zu verstehen, was mit ihm passiert ist.
Es habe sich angefühlt, sagte er, als hätte jemand ihre Schritte gelenkt, als wäre der Weg vorgezeichnet gewesen, durch den Wald, in die Ruine, weiter, immer weiter. Als hätten sie gar keine Wahl gehabt.
Auch von den Gefahren sprach er ohne Übertreibung. Und gerade das machte mir den Eindruck, dass es schlimm gewesen sein muss. Einige Begegnungen seien schlicht zu viel gewesen für das, was sie damals waren. Manches, er sprach nur vom dem “Ding im Brunnen“, hätten sie nur durch das Wohlwollen der Götter überlebt.
Hängen blieb mir auch seine Bemerkung über die Menschen, denen er begegnet sei. Er nannte kaum Namen. Ob er je welche gewusst habe, sei er sich nicht sicher. Der Köhler sei der Köhler gewesen, die Räuber seien Räuber gewesen. Hohle Stimmen, sagte er. Wegweiser aus Fleisch.
Ob er es noch einmal täte, fragte ich ihn am Ende, noch einmal in den Wald. Er sah mich an wie jemanden, der eine sehr dumme Frage gestellt hat. Dann bezahlte er seinen Wein und ging.
B02 Schlussvermerk
Verfasst von: Archivarin Selissa von Tiefensee, nach Sichtung aller vorliegenden Dokumente.
Die vorliegenden Berichte wurden mir, Selissa von Tiefensee, Archivarin dieses Tempels, mit der Bitte vorgelegt zu prüfen, ob das geschilderte Unternehmen würdig sei, in der Vorhalle des Tempels ausgestellt zu werden — als Zeugnis göttergefälligen Wirkens und als Vorbild göttergefälliger Recken.
Mein Urteil: Nein. Zumindest nicht ohne Vorbehalt.
Das Unternehmen war gefährlich, die Gruppe hat bestanden, und die Anlage selbst — Wald, Sumpf, die zweistufige Ruine mit ihrer bedrängenden Stimmung — war offenkundig von jener Art, die sich ins Gedächtnis brennt. Das verdient Respekt. Wer einen rauen, altertümlichen Zug durch Finsternis sucht, wird hier fündig. Die Akte verdient ihren Platz im Archiv.
Doch für die Vorhalle reicht das nicht. Hesinde lehrt, dass wahre Erkenntnis aus freiem Suchen kommt. Die Helden dieses Berichts aber wurden geführt, gedrängt, getrieben — vom Wald, von der Ruine, von Umständen, die ihnen kaum Wahl ließen. Was sie vollbracht haben, geschah oft durch Glück, selten durch Einsicht. Und die Menschen, denen sie begegneten, waren Schatten ohne Namen.
Ein Vorbild zeigt, wie man die Welt befragt. Diese Akte zeigt, wie man sie überlebt.
Sie bleibt verwahrt. Gut verwahrt. Aber sie hängt nicht in der Vorhalle.
– Selissa von Tiefensee, Archivarin des Hesindetempels zu Festum Im Zeichen der Eule geschrieben.
