Als moderner Mensch hat man sich an viele Dinge gewöhnt. Dass man erst Fotos vom Essen macht, bevor man es isst. Dass unmittelbar nach Weihnachten die ersten Schoko-Osterhasen im Supermarkt auftauchen. Dass auf 20 Prozent Preiserhöhung beim Deutschlandticket maximal ein Stirnrunzeln folgt, 20 Prozent Preiserhöhung beim Benzin aber in der öffentlichen Wahrnehmung im sofortigen Untergang des Abendlandes mündet.
Und als Rollenspieler hat man sich daran gewöhnt, dass kein Rollenspiel mehr ohne Crowdfunding veröffentlicht wird.
Früher, so will es die Legende, haben Rollenspielverlage einfach Rollenspielbücher für den Verkauf veröffentlicht. Heute gibt es Crowdfundinung und aus Sicht der Verlage massenhaft Gründe, warum das besser ist: die Planungssicherheit, der Marketingeffekt, die Risikominimierung, der warme Geldregen, der prasselt, bevor man auch nur ein Buch verkaufen muss.
Aber wir wollen nicht meckern. Als Rollenspieler ist man Enthusiast, ist man nicht nur Konsument, sondern immer auch Supporter. Als moderne Rollenspieler haben wir akzeptiert, dass Crowdfunding das Mittel der Wahl ist, um unser liebstes Hobby voranzutreiben oder – besser wohl: – am Leben zu halten. Wenn das bedeutet, dass wir den Verlagen unser Geld geben, lange bevor wir dafür eine Gegenleistung erwarten dürfen, dann sei es so.
Womit man sich als moderner Mensch hingegen nur schwer anfreunden kann: Wenn man nicht ernst genommen wird.
Verpuffende Crowdfunding-Feuerwerke
Regelmäßig werden Crowdfundings von Rollenspielverlagen mit viel Tamtam und Tschingderassabum durchs virtuelle Dorf getrieben. Nüchtern betrachtet sind sie kaum mehr als Vorbestelleraktionen mit Vorauskasse. Gleichwohl wird jedes noch so nichtige Bonusziel mit Feuerwerk gefeiert.
Der Uhrwerk-Verlag hat mit seinem aktuellen Crowdfing für Aventurien mit 5e-Regeln vier Tag vor Ende der Finanzierungsrunde rund 100.000 Euro eingesammelt. 16 sogenannte Bonusziele wurden bislang freigeschaltet – aber kaum eines davon ist ein echter Bonus, ein echter und exklusiver Anreiz, um das Projekt finanziell zu unterstützen. Es sind Selbstverständlichkeiten und Kleinigkeiten wie Lesebändchen oder ergänzende Regelinhalte als pdf.
Wenn Rollenspielverlage das Geld brauchen, um diese Selbstverständlichkeiten umzusetzen, dann ist das auch okay. Aber wenn Selbstverständlichkeiten als ganz und gar wundervolle Belohnung eines Crowdfunding gefeiert werden, dann möchte man eigentlich nur rufen: Shut up an take my money.
Oder man wünschte sich einen Verlag, der den Weg der Bonusziel-Nichtigkeit konsequent bis zum Ende ginge:
- 20.000 €:
Lesebändchen
Das Buch erhält ein praktisches Lesebändchen. - 30.000 €
Bedruckter Vor- und Nachsatz
Der Vor- und Nachsatz des Buches wird mit hübschen Bildern bedruckt. - 50.000 €
Inhalt
Neben dem Buchdeckel und dem Vor- und Nachsatz enthält das Buch nun sogar Seiten. - 70.000 €
Mehr Inhalt
Die Seiten zwischen dem Vor- und Nachsatz werden mit Text bedruckt. Toller Nebeneffekt: Das Lesebändchen wird noch praktischer. - 80.000 €
Digitales Lesebändchen
Das bereits freigeschaltete Lesebändchen stellen wir als pdf auf unserer Webseite zur Verfügung. - 100.000 €
Noch mehr Inhalt
Wir ersetzen die stimmungsvollen Lorem-Ipsum-Texte durch inhaltlich noch besser passende Rollenspiel-Texte. Alle Unterstützer erhalten diese Inhalte als pdf kostenlos. Als gedrucktes Buch könnt ihr die neuen Texte ab jetzt als Addon-Produkt erwerben.

Schön, wieder von dir zu lesen!
Wenigstens einer, der mal ohne Sarkasmus ehrlich sagt, was wir eigentlich an der modernen Verlagsarbeit ales für Vorteile haben als mündige Verbraucher. Traurige Zeiten früher, als man sich noch in Vorfreude üben musste, ganz ohne dafür schon Geld ausgeben gedürft zu haben.
Aber die Leute hatten halt „früher“ auch einfach nicht die unendlichen wunderbaren Möglichkeiten, ihre Aufmerksamkeit und ihr Geld permanent überall hin zu werfen, da war das bestimmt auch alles noch einfacher…