Ein Lob des Eskapismus

Eskapismus

Was hätte ich in dieser Pandemie nicht alles tun können? Eine neue Sprache lernen. Sport treiben. Wissenslücken füllen. Zeit genug wäre gewesen zwischen Homeoffice, Kontaktbeschränkungen und abgesagten Freizeitaktivitäten.

Und was habe ich getan? Ziemlich viel Netflix geschaut, reichlich Trash gelesen und auch sonst ganz viel Unnützes getan. Doch wie sich herausstellt, scheint genau das nicht die schlechteste Idee in einer Pandemie zu sein.

Das Leben besteht nicht nur aus Nützlichkeit, schreibt Thomas Bärnthaler im heutigen SZ-Magazin. Und wer auch schon mal damit gehadert hat, wie man so viel freie Zeit für scheinbar Unnützes verschwendet, dem sei der Text wärmstens ans Herz gelegt. Es ist ein Lob des Eskapismus in finsteren Zeiten. (Der Text liegt hinter der Paywall. Aber es lohnt sich.)

Eskapismus habe einen schlechten Ruf. Leider, schreibt Bärnthaler. Dabei sei die Weltflucht vermutlich so alt wie die Menschheit selbst. Eskapisten würden zwar als egozentrisch, verantwortungslos und schwach gelten. Dabei habe Realitätsverweigerung herrliche Kunst hervorgebracht und verlässlich Trost gespendet.

„Eskapismus ist die Freiheit, die man sich gestattet, weil man sie braucht“, so Bärnthaler. Und dieses Bedürfnis gebe es nicht erst seit Corona. Die Alltagsflucht helfe uns Existenzstress zu regulieren. In einer Pandemie kann das eine große Stütze sein. Wer möchte schon den ganzen Tag immer nur über Sieben-Tage-Inzidenzen, Virusvarianten und Impfquoten reden? Doch Eskapismus sei nicht nur Weltvermeidung, sondern nach Ansicht des norwegischen Psychologen Frode Stenseng sogar eine Form der Selbst-Erweiterung.

Eskapismus könnte für den Weg aus der Krise so entscheidend sein wie Technik und Wissenschaft. Thomas Bärnthaler: „Um die Welt zu verändern, muss man erst einen Schritt zur Seite treten, von ihr weg, um zu erkennen, was nicht mit ihr stimmt.“

Das mag etwas hochgegriffen klingen. Doch selbst ohne solches Pathos hätte der Eskapismus seine Berechtigung. Erst in einigen Jahren werde man abschätzten können, was die Pandemie in Körper und Seele angerichtet hat. „Bis dahin sollte man versuchen, dem Virus so gut es geht zu entkommen – nicht nur durch Impfungen und Maske, sondern auch im Kopf.“

Und ich bau jetzt schon mal das nächste Brettspiel auf.

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